Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Die polychrome Ausstattung der Aufsenfassaden mittelalterlicher Bauten.

I.
|s ist meine Absicht nicht, an dieser
Stelle den Entwickelungsgang der
polychromen Ausstattung der mittel-
alterlichen Fassaden darzustellen oder
die angewandte Technik einer eingehenden Be-
sprechung zu unterziehen, da eine solche Arbeit
den Rahmen unserer Zeitschrift weit überschrei-
ten würde. Ich bezwecke mit diesen Zeilen nichts
weiter, als an der Hand noch erhaltener Muster
die verschiedenen (mir bekannten) Methoden kurz
darzustellen in der Hoffnung, dafs Andere, die
auf diesem Gebiete eingehendere Kenntnisse
erworben haben, sich dadurch veranlafst fühlen
möchten, diese zum Besten zu geben, und da-
durch weitere Forschungen über diesen inter-
essanten Kunstzweig herbeizuführen.

Wenn man vom Ende des vorigen und dem
Anfange dieses Jahrhunderts absieht, einer Pe-
riode, die in ihrer Geschmacksverwirrung und
m ihrem Mangel an Kunstsinn so manche Innen-
und Aufsenbemalung alter Bauten unter einem
grellen Kalkanstrich verschwinden liefs, finden
wir zu allen Zeiten und bei allen Kulturvölkern
das Bestreben, die Bauten auch im Aeufsern
durch Farbe zu beleben.

An den egyptischen Bauten wurden bildliche
Darstellungen als Flachreliefs behandelt (Koilana-
glyphen) so zwar, dafs das Relief nicht vor der
Mauerfläche hervortrat, sondern durch tiefes Ein-
schneiden der Konturen gebildet wurde. Diese
Reliefs wurden in ganzen Tönen ohne Model-

n ln ,Ther ha™on^her Farbengebung
bemalt und die Konturen kräftig behandelt.

Dasselbe System finden wir an den assyrischen
Bauwerken wieder; doch kam hier noch die Ver-
wendung glasirter Ziegel hinzu, auf denen Fi-
guren, geometrische Ornamente oder Blumen
dargestellt waren.1)

Die Griechen gingen noch einen Schritt
weiter, mdem sie nicht nur Figuren und Orna-
mente auf den sonst schmucklosen Flächen an-
b achten sondern sie malten auch Pflanzenorna-
mente auf die einzelnen Architekturtheile, so dafs
diese nun erst recht in ihrem vollen konstruktiven
\ erth zur Geltung kamen. Auch bemalte Thon-
platten finden wir an den Bauten Griechenlands.

x) Dollmetsch »Der Ornamenlensch

atz«.

Die Römer, denen der feine Kunstsinn der
Griechen abging, suchten weniger durch eine
wohlthuende Farbengebung das Auge zu erfreuen
als vielmehr es zu blenden durch eine pomphafte
Zurschaustellung des kostbarsten Materials.

Die persischen Bauten sind häufig mit bunt-
bemalten und glasirten Thonplättchen bekleidet
bis in die Kuppeln und Minaretspitzen hinauf.
Ein eigenthümliches Dekorationsmittel besteht
darin, dafs bei den häufig durchbrochenen
Fenstereinfassungen die vertieften Stellen mit
farbigem Glas ausgefüllt wurden.

Bei den Arabern sind die Architekturtheile
mit reichen in Farbe und Gold gemalten "Ver-
zierungen bedeckt, die untern Mauertheile mit
farbigen Marmormosaiken oder bemalten und
glasirten Thonplättchen bekleidet. Manchmal
sind die Zeichnungen in die Marmorplatten ein-
geschnitten und die Vertiefungen mit gefärbtem
Kitt ausgefüllt, ähnlich wie man im Mittelalter
die Grabplatten behandelte.

Das ganze Mittelalter hindurch bis in die
Spät-Renaissance hinein wurden die mannig-
fachsten Dekorationsmittel zur Belebung der
Fassaden verwandt und immer in äufserst ra-
tioneller Weise dem vorhandenen Baumaterial
Rechnung getragen.

In Italien finden wir schon im frühen Mittel-
alter reich dekorirte Fassaden, an denen Mosaik-
bilder mit farbigen Marmorinkrustationen ab-
wechseln (Dom von Siena, XIII. Jahrh.). Selbst
Säulen wurden mit Mosaikbekleidung versehen,
so im Kreuzgang des Domes von Monreale (aus
der Mitte des XII. Jahrh.) und am Kreuzgang
von St. Paolo in Rom, welch' letzterer auch noch
durch seine farbenprächtigen Friese in Marmor-
mosaik bemerkenswerth ist.

Besondere Erwähnung verdient die häufig
vorkommende Dekorationsart, dafs verschieden-
farbiges Material schichtweise abwechselt und
die Hauptglieder des Baues durch farbig orna-
mentirte Streifen in Marmor, Thonfliesen etc.
hervorgehoben werden.

Das primitivste Mittel, eine Kontrastwirkung
bei einfarbigem Material zu erzeugen, besteht
darin, dafs man horizontale Schichten mit Fisch-
grätenmauerwerk, oder kleine regelmäfsig be-
arbeitete Steine mit grofsen Quadern abwechseln
läfst. Daraus ergab sich dann bald die An-
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