Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. -- ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 4.

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bin. Alles übrige dürfte aus der Abbildung zu
entnehmen sein. Was die Elfenbeintafeln be-
trifft, so ist deren byzantinischer Charakter un-
verkennbar, sei es, dafs sie Originalarbeiten sind,
was ich glaube, oder deutsche Nachbildungen,
was weniger wahrscheinlich ist; sie dürften dem
XII. Jahrh. angehören. Bei dem handwerklichen
durch feststehende Typen gebundenen Betrieb
der Kleinkünste im byzantinischen Reich und
der grofsen Verbreitung solcher Elfenbeinarbeiten
durch den Handel, ist es nicht befremdlich, dafs
sich fast völlig genaue Wiederholungen unserer
Täfelchen mehrfach finden. So enthält die Samm-
lung des Fürsten Oettingen-Wallerstein zu Mai-
hingen ein Diptychon (?), welches bei 57 mm
Breite und 155 mm Höhe nur die eine Ab-
weichung zeigt, dafs die Engel bis zu den
Hüften (wie die untern Figuren) dargestellt sind
und die Kleidung eine verschiedene ist. Dagegen
fehlen auf den beiden Täfelchen, welche die
Rückseite des Evangeliars Heinrichs II. im Dom-
schatz zu Aachen zieren 'stillose Abbildung in
Bock »Pfalzkapelle«, Fig. 28), die beiden Engel
ganz, während die (auch von Bock nicht näher
bestimmten Heiligen) völlig identisch mit den
unsrigen erscheinen, lieber und unter den Tafeln
unseres Einbandes läuft noch eine mit einem
einfachen Wellenbändchen verzierte Elfenbein-
leiste her, die an beiden Enden nach unten
abgerundet ist. Dies leitete mich zu der Ver-
muthung, dafs hier die Reste eines Triptychons
verwendet wurden. Wirklich fand sich auch,
dafs die Rückseiten beider Tafeln mit grofsen
byzantinischen Kreuzen geziert sind, und dafs
in denselben noch die Metallstifte stecken, um
welche sie sich in Löchern der auf der ehe-
maligen Mitteltafel befestigten Leisten als Flügel
drehten. Möglicherweise war dieses Mittelbild
auf einem andern Einband des Abdinghofer
Kirchenschatzes verwendet. Auch im Aachener
Schatz gehören zweifellos die bei Bock (Tat 27)
dargestellten Täfelchen als Flügel eines Trip-
tychons zu dem Mittelbild (Taf. 26), welches
genau die entsprechende Gröfse besitzt. Die-
selbe Darstellung wie hier wird auch das feh-
lende Mittelbild zu Abdinghof gehabt haben.
Eine nähere Umschau unter den vorhandenen
Elfenbeintafeln wird wohl noch manches Stück
als Theil eines Triptychons erkennen lassen,
wenn man sich die Mühe gibt, die Rückseiten

und die Spuren der Verbindung durch Char-
niere, zu beachten. Meines Wissens ist der
Gebrauch von wachsbezogenen Diptychonen für
die späteren Zeiten — XII. und XIII. Jahrh.
— noch nicht nachgewiesen.1) Die als trag-
bares Retabel dienenden Tafeln werden aber
jedenfalls häufiger gewesen sein. Einzelne
mögen wohl direkt als Mittelbilder von Ein-
bänden geschaffen sein, wenn es auch als Regel
gelten mufs, dafs durch ihre Schönheit oder
wegen ihres ursprünglichen Besitzers geschätzte
Schnitzereien nachträglich zu Einbänden
verwendet wurden.2)

Marburg;. L. B i c.k e 11.

!) [Diptychen aus Elfenbein mit Wachsbezug aus
dieser Zeit sind mir auch nicht bekannt, wohl aber
aus mehreren Wachstäfelchen zusammengefügte, auf
der Vorder- und Rückseite skulptirte Schreibhefte aus
Elfenbein, z. B. das dem XIV. Jahrh. angehörige, im
Museum zu Namur befindliche Prachtexemplar (nebst
ursprünglichem geschnittenem Leder-Etuis), welches
aus sechs Wachstafeln nebst den beiden Deckeln be-
steht. Beschrieben unter Nr. 1402 in dem »Catalogue
officiel« der »Exposition relrospective d'art industriel
en 188!-« Zu Brüssel; farbig abgebildet in den Ver-
öffentlichungen der »Societe de l'art ancien en Bel-
gique« pl. XIV. D. H.]

2) [Einen ganz ähnlich behandelten Deckel zeigt
das Evangeliar des Domes zu Minden, welches aus
dem Anfange des XI. Jahrh. stammt. Das Mittelstück
desselben bildet ein Elfenbein-Relief derselben Zeit mit
der Darstellung der Himmelfahrt Christi; seine Um-
gebung besteht aus vergoldeten, mit durchbrochenen
Börtchen eingefafsten Metallstreifen, welchen spät-
gothische Ranken in vorzüglicher Zeichnung eingravirt
sind, mit eingestreuten Steinen in Kastenfassungen. —
Auch die Pfarrkirche Maria Lieskirchen in Köln be-
wahrt ein Evangeliar, dessen Frontale ein wohl auch
dem Beginne des XI. Jahrh. angehöriges Elfenbein-
Relief mit der Kreuzigungs-Szene schmückt, dessen
Umgebung ebenfalls aus vergoldeten Melallborten ge-
bildet ist, mit eingravirten spätgothischen Figuren; ab-
gebildet und beschrieben in Bock: »Das heilige Köln».
— Bei beiden Deckeln sprechen manche (jiünde da-
für, dafs die Elfenbeintafeln zur ursprünglichen Aus-
stattung der Kodizes gehörten und anfänglich eine
andere, vielleicht ebenfalls metallische Umrahmung
halten, die wahrscheinlich des starken Verschleifses
wegen einer Erneuerung bedurfte. Die Verniiithung,
dafs ähnliche Verhältnisse bei dem hier abgebildeten
und beschriebenen Buchdeckel obgewaltet haben, durfte
nicht unberechtigt sein. — Auch im Museum zu Darm-
stadt befindet sich ein (wohl aus Köln stammender)
Kodex, dessen Vorderseite ein grosses romanisches
Elfenbeinrelief schmückt, welches von vergoldeten mit
spätgothischen Gravuren verzierten Metallstreifen um-
geben ist. D. H.]
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