Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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L890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Stande befafst, jedoch die Gefäfse selbst nicht
alle gesehen haben, literarische Angaben über
nach der hl. Hedwig genannte Gläser (insbe-
sondere in Schlesien befindliche) ohne Weiteres
auf jene besondere Art von geschnittenen
Glasgefäfsen bezogen.

Es ist nun der Zweck dieses Aufsatzes, ein-
mal alle nach der hl. Hedwig benannten Ge-
fäfse zusammenzustellen und zweitens eine
Uebersicht derjenigen bis heute bekannt ge-
wordenen geschnittenen Gläser zu geben, welche
dieselbe Stilfassung und Technik des Glas-
schnitts aufweisen, wie der erwähnte Breslauer
und Krakauer Becher, mögen dieselben mit
der Heiligen früher in Zusammenhang gebracht
worden sein oder nicht.

Im Ganzen sind sieben, von Alters her als
Hedwigsbecher bezeichnete, sehr verschieden-
artige Gefäfse bekannt, von welchen sich fünf
in Schlesien, je eines in Polen (Krakau) und in
Italien (Loreto) befinden oder befunden haben.
Dafs gerade Trinkgeschirre in so grofser
Zahl als von der 1267 kanonisirten Heiligen
herrührend bezeichnet werden, erklärt sich durch
ein Begebnifs aus dem Leben der schlesischen
Fürstin, welches uns die Hedwigs-Legende über-
liefert hat. Sie trieb, gegen den Willen ihres
Gemahls, des Herzogs Heinrich I. (f 1238), die
Enthaltsamkeit so weit, dafs sie zu den Mahl-
zeiten nur Wasser trank. Der Herzog, welchem
dieses hinterbracht wurde, glaubte, dafs die
Gesundheit seiner Gemahlin durch diese Lebens-
weise geschädigt werde und wollte sich selbst
von der ihm gemeldeten Thatsache überzeugen.
Er trat unvorhergesehen an den Tisch der
Fürstin heran und führte ihren Becher zu Munde.
Da geschah das Wunder, dafs er Wein darin
fand, obwohl nur Wasser darin gewesen war.6)

6) Die 1504 in Breslau bei Conrad Baumgarten
gedruckte und mit Holzschnitten versehene deutsche
Hedwigs-Legende gibt auf Blatt 20 das Wunder wie
folgt an: Czu einer czeit wart sy versaget bey yrem
herrn von einem kamerer wy das sy stetiges wasser
trunck. Durch des willen er sere vn tnutigk was
vmd schaczte das von yr eyn torheyt vnd eyn große
vrsache yrer kräckheit welche sy stetiglich leyt vnd
vormeynte sy da von czu brengenn mit giittiger vnder-
weysunge j vnd kam alfso vff dy stelle do sy pflagk
czu essen \ vnd vngewarnet hyn ein gingk do sy czu
tische safs \ vnd den becher vffhub der do vor yr
gesaczt mit wasser was j vnnd tranck dar aus \ da
entpfandte er in seynem munde gar kostlichen weynes
schmack das vor lautter wasser was gewesen u. s. w.
Aehnlich in der lateinischen Vita S. Hedwigis bei

Dafs es sich bei den Hedwigsbechern in der
That um ein Gefäfs handelt, in welchem bei
jenem Wunder die Verwandlung von Wasser in
Wein sich vollzogen haben soll, wird durch eine
Bemerkung des am Anfange des XVIII. Jahrh.
lebenden Scholiasten zu des Henelius Silesio-
graphia,7) des Magisters des Kreuzherrnstiftes
zu St. Matthias in Breslau, M. S. Fibiger, be-
stätigt. Es wird dort bei der Besprechung der
Hedwigs-Reliquien im Kloster Trebnitz die von
dem Propst von St. Hedwig in Krakau, Dr. Samuel
Nakielski, in dessen »Miechovia« fol. 954 auf-
gestellte Behauptung zurückgewiesen, dafs sich
der einzige und wahre Hedwigsbecher im Besitz
jener Krakauer Kirche befinde.

Fibiger stellt fest, dafs schon zu seiner Zeit
(er war Stiftsmeister von 1696 bis 1712) mehrere
Hedwigsbecher an verschiedenen Orten bekannt
waren, von welchen jeder den Anspruch erhob,
mit der Heiligen in Berührung gekommen zu
sein. Durfte doch sein eigenes Stift sich rühmen,
im Besitz eines solchen, hoch in Ehren ge-
haltenen Gefäfses zu sein!s)

. Es seien zunächst diejenigen Gefäfse auf-
geführt und beschrieben, welche die Ueber-
lieferung als Hedwigsbecher bezeichnet, ohne
Rücksicht auf das Material und die Verzierungs-
weise dieser Stücke, zugleich mit dem Nach-
weis der etwa vorhandenen literarischen Zeug-
nisse, welche über Alter, Schicksale und frühere
Aufbewahrung Aufschlufs zu geben geeignet sind.
1. In dem von der frommen Fürstin ge-
stifteten Nonnenkloster Trebnitz, in welchem
die Heilige einen grofsen Theil ihres Lebens
zugebracht hat, befindet sich (gegenwärtig im
Schatz der Klosterkirche) ein Glas der hl. Hed-
wig, nach Lutsch9) ein cylindrisches Bronze-
gefäfs, auf dessen Flächen aufsen die Geburt
Christi, die Darstellung im Tempel und die
Anbetung der Weisen, innen die Schlangen-
erhöhung, Verkündigung, Heimsuchung, auf dem

Stenzel Scr. rer. Silesiac. II, S. 16 ff. und in den
Act. S. S. zum 17. Oktober.

7) Henelius ab Hennenfeld Silesiographia reno-
vata. Necessariis scholiis observationibus et indice
aucta. Wratisl. et Ups. 1704. cap. VII, Vol. I, S. G00 ff.

8) Henelius a. a. O. I, S. 600: Sed salvari polest
vitro Cracoviensi sua dignitas si dicamus plura in
variis tocis custodiri vascula, a manibus et labris
hujus Divae sacrata etc.

9) H. Lutsch »Verzeichnifs der Kunstdenkmäler
der Provinz Schlesien«, II. Band: Regierungsbezirk
Breslau, S. 586.
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