Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

Page: 145
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1903/0094
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
145

1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

146

schauen in völliger Vorderansicht und stark
herausmodelliert aus dem Relief hervor. Glei-
ches ist auch auf den übrigen Reliefs ganz
folgerichtig durchgeführt, ein Beweis für ein
noch sehr schwach entwickeltes, künstlerisch
unabgeklärtes, aber naives Empfinden. Die
vier obersten Felder entsprechen einander in
der Zeichnung, sind aber keineswegs etwa mit
Benutzung der gleichen Form hergestellt, wie
kleine Abweichungen und Verschiedenheiten
deutlich zeigen.

Vier weitere Reliefs enthält die zweite
Zone. Dargestellt sind: Zwei sitzende, lang-
gewandete Figuren mit ei-
nem zwischen ihnen auf-
geklappten Buch. Durch
gerauhten Untergrund ist
Erdboden angegeben. Hin-
ter den Gestalten ragt ein
primitiv stilisierter Baum
hervor. — Im benach-
barten Bogenfeld: Zwei
stehende Gestalten mit
kurzen, bis zu den Knieen

reichenden, gegürteten
Röcken. Die Linke hält
auf dem Rücken ein herab-
hängendes Pflanzenbündel
(Ähren), die rechte fafst
oder trägt ein Tier mit ge-
rauhtem Fell (Lamm), da-
zwischen erhebt sich ein
Baum. Die Scene kann
als das Opfer Kains und
Abels gedeutet werden. —
Letzteres legt auch das
Nachbarfeld nahe: Eine
Gestalt liegt mit gespreiz-
ten Beinen, die von den
Knieen ab frei sind, am
gestreckten Armen neigen
Bewegung zwei stehende Gestalten über die
liegende. Ein Baum dient als Füllung des
Hintergrundes. Vorausgesetzt, dafs nicht etwa
die Schande des trunkenen Noah dargestellt
sein soll, kommt wohl nur die Beweinung des
erschlagenen Abel durch Adam und Eva in
Betracht. — In der vierten Scene steht ein
Mann mit Schulterlocken, langgewandet, vor
einer Menschengruppe, die als Täuflinge zu
betrachten sind. Denn die vier untersten Per-
sonen sind nur zur Hälfte sichtbar, was aber
nicht hindert, dafs drei und schliefslich noch

Boden,
sich in

Abb. ]. Strahlenförmige Ampel

Mit aus- I

lebhafter

zwei weitere Oberkörper naiver Weise darüber
herausschauen, die ebenfalls als im Wasser
stehend zu denken sind. Man mag an Johannes
den Täufer denken, da sich, wie sich noch
zeigen wird, der Darstellungskreis der beiden
unteren, je fünf Bilder umfassenden Etagen, so
gut wie ausschliefslich, im Alten Testament
bewegt.

Die nächste, dritte Zone ist anscheinend
Scenen aus der Geschichte Simsons gewidmet,
mit der jedoch zwei der Reliefs kaum etwas
zu tun haben. Eins zeigt, wie eine kurzge-
wandete Figur einen dreiteiligen Baum am
Stamm packt, um ihn aus-
zureifsen oder vielleicht
auch zu pflanzen. Die an-
dere Scene stellt den Sün-
denfall selbst dar. Zwei
Gestalten, eine gröfsere
und kleinere, auch durch
tiefere und höhere Gür-
tung als Mann und Frau
gekennzeichnet, stehen an
einem Baum. An diesem
ist eine Schlangenlinie an-
gedeutet. Die Hände Bei-
der begegnen sich am
Baumstamm. — Zwischen
diese vorgenannten Reliefs
schieben sich willkürlich
die Simson - Darstellungen
ein, darunter die, wie Sim-
son auf den Löwen tritt
und ihm den Rachen auf-
reifst. Die Darstellung ist
wie die der übrigen Reliefs
sehr primitiv und unbehol-
fen, aber voll drastischer
Deutlichkeit und Naivität.
— Es folgt eine Scene, in der Simson in halb
hockender, halb liegender Stellung von der hinter
ihm sitzenden Delilah der Haare beraubt wird.
Ein Baum fehlt nicht zur Hintergrundfüllung. —
Simsons Rache zeigt das Nachbarrelief. Er
tritt an eine durch Quaderung gekennzeichnete,
auf einem Stufenpostament stehende Säule
und fafst sie an. Auf ihr ruht als naive An-
deutung eines Hauses ein kuppeiförmiges Dach
mit romanischem Rundbogenfries.

War die Willkür in der Aneinanderreihung
der Scenen schon auffallend, so ist sie es erst
recht in der untersten Bilderlage. Unter einem
Baum sitzen zwei bekleidete Personen, die eine
loading ...