Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 5.

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Gegenüber den beiden vorangegangenen Wer-
ken kann das Bronze-Reliquiar (Abb. 3) nicht
die grofse Beachtung beanspruchen, die jenen
gebührt. Es ist, wie der Wolfram, aus Messing
gegossen und dann vergoldet bezw. versilbert.
Der Gufs ist nicht ganz tadelfrei, weil löcherig;
seine Stärke schwankt zwischen x/2 und 1 cm.

Das Reliquiar stellt in Büstenform einen
Bischof mit segnend erhobener Rechte dar,
dessen Linke ein Buch hält. Durch die zum
Teil heute abgestossene Vergoldung sind her-
vorgehoben: Gesicht, Hände, Buch, Casula
und der Rand und die Bänder der Mitra.
Letztere, von der alten, niedrigen Form, ist
versilbert, ebenso wie die Augäpfel, die Haare
und das Schultertuch. Die Pupillen sind durch
eingesetzte türkisblaue Glasflüsse bezeichnet.
Die Gesamthöhe besträgt 33'/2 cm.

In den Verhältnissen ist das Reliquiar nicht
gerade glücklich. Der Kopf ist zu grofs im
Vergleich zu den schmalen Schultern, die
Hände dagegen sind zu klein. Die Augen
treten noch, wie im XII. Jahrh. so vielfach,
starr und übergrofs hervor. Das Gesicht ist
glatt und flächig behandelt und noch nicht
eingehend durchgearbeitet. Mund und Nase
sind noch ganz schematisch, aber doch nicht
mehr so streng und herb wie bei dem Wolf-
ram. So schliefst sich stilistisch das Reliquiar
eng an jenen an, jedoch weist es in den
weicheren, verallgemeinernden Formen schon
hin auf die im XIII. Jahrh. in der Sächsischen
Plastik zu formaler Schönheit und Ideali-
sierung strebende Richtung, die zu einer so
wunderbaren und vollkommenen Blüte führt.
Aber keinesfalls dürfte das Reliquiar später
als etwa um 1200 entstanden sein, mit gröfserer
Wahrscheinlichkeit, sogar noch zwischen 1150

und 1200.

Denn noch ist die Behandlung der Ge-
wandung und der stilisierten Haare recht
hart und unfrei, noch sind z. B. die Ohren
ganz schematisch und roh angelegt. Die
Modellierung des Stofflichen beschränkt sich
sogar meist noch auf die eingeritzten oder
einziselierten Linien des XII. Jahrh. Wenn
das Reliquiar trotzdem in seiner Gesamtheit
freier erscheint, ist dies zum Teil veranlafst
durch die weichere Wirkung der Edelmetall-

Überzüge, die ihm den Anschein stärkerer
Rundung und Vollkommenheit verleiht. Ob
das Stück in der Werkstatt entstand, aus der
der Wolfram hervorging? Es läfst sich das
nicht bejahen und nicht verneinen; wäre das
Postament, auf dem die Büste, wie die Schraub-
löcher beweisen, einst befestigt war, noch er-
halten, so liefse sich auch mit Bestimmtheit
das Reliquiar genauer datieren.

Aber es handelt sich schliefslich um kein be-
deutsames Kunstwerk, sondern um eine hand-
werkliche Durchschnittsleistung, dadurch ganz
interessant, dafs man beobachten kann, wie
der aus zwei Teilen bestehende Gufs — Kopf
und Körper sind einzeln gefertigt — in ein-
ander gefügt sind. Das Schultertuch ist ge-
schickt benutzt, die Naht wulstartig zu ver-
decken, also genau das gleiche Prinzip, wie
beim Wolfram. Nur im Innern ist die Zu-
sammenpassung zu fühlen. Zu bemerken ist
sonst nur, dafs sich in der Gebundenheit der
Armbetätigung und dem ängstlichen Festhaften
der Hände am Körper noch Beziehungen
zum Grabmal Friedrichs von Wettin er-
geben, ebenso wie zu den Korssunsehen
Türen zu Nowgorod (1152 — 56). Doch
das sind in der Zeit, d. h. im XII. Jahrh.,
liegende Eigenschaften.

Somit stellt sich das Reliquiar als ein durch
sein Alter und seine einstige Bestimmung ehr-
würdiges, aber künstlerisch nicht zu hoch zu
bewertendes Werk dar, immerhin wichtig ge-
nug, als eins der vielen kleinen zerstreuten
und noch nicht systematisch behandelten
Glieder des einstigen Prachtbaues romanischer
Giefserkunst bekannt und damit der künftigen
zusammenfassenden Forschung zugänglich ge-
macht zu werden.

In den Entwicklungsgang der Sächsischen
Plastik gehören sämtliche drei Werke hinein,
sogar liefse sich bei genauer Vergleichung der
Einzelheiten (Ohren) mit den Magdeburger
Güssen die beiden letztgenannten als engver-
wandt angliedern. Und darum verdienen sie
als füllende Zwischenglieder inmitten bedeut-
samerer Werke doch in die Gesamt-Entwick-
lung hineinbezogen zu werden.

Weimar. Otto Buchner.
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