Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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werden kann. Die Figuren gewinnen dadurch
ungemein an Adel und Feinheit, der Teppich
aber in hohem Mafse an Wechsel. Für die Ge-
wandungen kam der Köper- oder versetzte Stich,
für Gesicht, Hände und Haar, sowie für die
Konturen der Atlas- oder Kördelchenstich zur
Anwendung.

Die vortreffliche Wirkung des Teppichs
liegt aber nicht nur an dem Charakter der
Zeichnung, sondern auch an seiner harmoni-
schen Farbengebung. Er pafst nicht nur voll-
kommen in seine Umgebung hinein, zum Fufs-
bodenbelag, zur Bemalung der Wände und zur
Polychromie des Altares, es sind auch die ein-
zelnen Farbentöne im Teppich fein gegenein-
ander abgestimmt. Die Teppiche wirken lebendig
und frisch, zumal der Chorteppich, nirgends
gibt es jedoch schreiende, ungebührlich sich
vordrängende Farben, nirgends unangenehm
sich bemerklich machende Kontraste. Reine
Farben wurden nur ausnahmsweise und nur zu
kleinen Effekten gebraucht; im übrigen kamen
ausschliefslich gedämpfte, stumpfe Töne zur
Verwendung. Konturen wurden nicht in reinem
Schwarz oder reinem Weifs, sondern stets im
tiefdunkelsten Ton der jeweiligen Lokalfarbe
ausgeführt.

Der Fond des Teppichs besteht, entsprechend
dem in der Bemalung der Kirche vorherrschen-
den Farbenton, aus einem dunklen Ziegelrot.
Auf dem Chorteppich tritt er fast nur in Ge-
stalt schmaler Bänder zu Tage, auf dem Altar-
stufenteppich kommt er dagegen im Einklang
mit der Polychromie des Altarunterbaues in
ausgiebigerem Mafse zur Geltung. Den Fond
der Borten auf dem Chorteppich und des
Mittelfeldes auf dem Altarstufenteppich bildet
ein sattes Olivengrün, von dem sich die helle-
ren Rosenblätter und die roten Rosen in ebenso
wirksamer, wie gefälliger Weise abheben. Das
Quadrat des Mittelfeldes und die um das
Quadrat sich lagernden Dreiecke weisen einen
gedämpften blauen Grund auf. Von derselben
Farbe ist der Hintergrund der Sibyllen, wäh-
rend die Bogenzwickel der Eckstücke einen
roten Fond haben. Als Grund der Propheten-
bilder ist ein ins bordeauxfarbige spielendes
Braun verwendet worden, aus dem in glück-
lichster Weis-e die in lichten Farben ausge-
führten Gestalten der Propheten hervortreten.

Die Spruchbänder sind teils cremefarbig, teils
lichtgrau; dasselbe gilt von den schmalen Ein-
fassungen der verschiedenen Felder, Borten,
Streifen und Eckstücke des Chorteppichs. Der
Fond des die Borte an der Aufsenseite beglei-
tenden Streifens ist von abgetönter hellblauer
Farbe, die Inschriften sind auf den Borten
braunrot, bei der Darstellung Jerusalems schwarz-
grau, sonst aber hellbraun. Die Städtebilder
sind in Grau, Grauweifs, Violettbraun, Creme-
gelb und Braun ausgeführt; bei der Gewandung
der Propheten und Sibyllen wechseln Gelb,
Rot, Blau, Grün, Grauweifs, Braun, und zwar
sind auch hier wie überall fast nur Misch-
farben gebraucht worden. Sehr wirkungsvoll
ist der Faltenwurf durch lichtere und tiefere
Töne wiedergegeben. Für die Karnationsteile
wurde ein leichtes Rosa gebraucht. — Alles in
allem genommen können wir nur wiederholen,
dafs der Teppich, den Aachener Damen für die
St. Marienkirche gestiftet haben, unstreitig zu
den vorzüglichsten Teppichwerken gerechnet
werden darf, welche in neuerer Zeit zu kirch-
lichen Zwecken angefertigt wurden. Die Ge-
schenkgeberinnen haben ihrer Opferfreudigkeit,
ihrer Begeisterung für den Schmuck des Hauses
Gottes, ihrer Verehrung der Gottesmutter und
ihrem Kunstsinn in Gestalt des Teppichs ein
herrliches Denkmal gesetzt.

Schliefslich noch einige Notizen über die
Herstellungskosten des Teppichs, die ohne
Zweifel Interessenten willkommen sein dürften-
An Stramin wurden gebraucht 67 m = 1GG Mk.,
an Stickwolle 45 kg = 387 Mk., an Futterstoff
51 ,„ = 56 Mk., an Einfassungskordel 48 m -
10 Mk. Dazu kamen für die farbige Ausfüh-
rung des Entwurfes 400 Mk., für Vergröfserung
und Übertragung der Zeichnung 500 Mk., für
das Sticken der Sibyllen- und Prophetenfiguren
252 Mk., für die Zusammensetzung und Fertig-
stellung des Teppichs 150 Mk. Rechnet man
dazu noch verschiedene kleinere Ausgaben, so
belaufen sich die Herstellungskosten im ganzen
auf rund 2000 Mk., gewifs eine nicht geringe
Summe, die auch ihrerseits von dem Fromm-
sinn der Geberinnen beredtes Zeugnis ablegt,
zugleich aber auch durch das prächtige Teppich-
werk, das mit ihrer Hilfe geschaffen wurde,
reichlich aufgewogen wird.

Luxemburg. J' lir"ln S'J'
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