Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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Die Einrichtung tragbarer Altäre mufste
übrigens den Christen nahe liegen, da solche
Altäre weder den Juden14) noch auch den
Heiden unbekannt waren, womit allerdings
nicht gesagt sein soll, dafs der jüdische oder
heidnische Altar das Prototyp des christlichen
gewesen ist. War ja doch im Christentum
der Tragaltar nach Einführung der Konsekra-
tion des Altares durch den Bischof eine un-
abweisbare Notwendigkeit, falls nicht die Mis-
sionäre auf ihren ausgedehnten Reisen,15) in
der Einsamkeit der Wälder oder unter den
Heiden und Neubekehrten auf lange Zeit des
Mefsopfers entbehren sollten. Sie führten also
auf ihren Reisen aufser den andern zur
Messe notwendigen Requisiten auch einen
kleinen Altar mit sich und brachten in der
Wildnis das Mefsopfer dar. So erzählt der
ehrwürdige B e d a, die beiden Missionäre
Ewald hätten auf ihren Reisen in Deutsch-
land, um täglich die hl. Messe feiern zu
können, die hl. Gefässe und einen Tragaltar
mit sich geführt.16) Auch von unserm Boni-
facius berichtet eine alte Biographie, er habe
auf seiner Reise durch Thüringen „am Ufer
des Flusses Oraha sein Zelt aufgeschlagen,
daselbst übernachtet und in der Morgenfrühe
die Feier der hl. Messe begangen";17) dieses
konnte er natürlich nicht ohne einen Altar.

Man machte sich die Einrichtung der trag-
baren Altäre übrigens auch sonst vielfach zu
Nutze. So celebrierte der hl. Ambrosius im
Hause einer frommen Frau, und als Wynne-
bald, Abt von Heidenheim (f 761), wegen
Kränklichkeit nicht mehr zur Kirche gehen
konnte, liefs er in einer Ecke seiner Keme-
nate einen Altar errichten.18) Ebenso mufste
er oft zum Ersätze des festen Altares dienen,

P. L., XXXV, 2301. Das Werk gehört zu den un-
echten Schriften des Lehrers.
u) 2. Mos. 20, 27.

16) Weil vorzugsweise auf Reisen gebraucht, heifst
der Tragaltar in den alten Berichten und Schatzver-
zeichnissen: Altare itinerarium, ad viam, mobile, tabula
itineraria. Andere Namen sind: Altare gestatorium,
tabula consecrata, portatilis mensa u. a. Auf einem
spätgotischen elsässischen Tragaltar heifst er inschrift-
lich *belstein*.

18) »Historia Angl.«, 1. V. c. 11. Migne P. L„
VC, 244.

17) «Vita S. Bonifacii«, auctore Othlone, 1. I.
n. 23. Migne P. L., LXXXIV, 646.

19) Paulinus »Vita S. Ambrosiic, n. 10. Migne
P. L. XIV, 30. Mabillou 1. 23 n. 61. II, 198.

wenn die meistens kleinen Kirchen das zahl-
reich zusammengeströmte Volk nicht fassen
konnten und das Mefsopfer auf freiem Felde ge-
feiert werden mufste, wie es z. B. der Fall war
bei der Übertragung der Reliquien des Ra-
banus Maurus nach Fulda.19)

2. Nach Beginn der karo lingisch en
Zeit hören wir wiederholt von kirchlichen Be-
stimmungen, welche direkt oder indirekt den
häufigen Gebrauch des Tragaltares voraussetzen.
Es verbot z. B. das deutsche Nationalkonzil 742
den Geistlichen die Teilnahme am Kriege
,,mit Ausnahme derer, welche zur Abhaltung
der hl. Messe dazu ausersehen seien".20) Die
Darbringung des Mefsopfers auf den Kriegs-
zügen verlangt aber die Mitnahme eines Altars.
Ein Kapitular Karls des Grofsen,21) Erzbischof
Hincmar von Reims,22) die Synoden von Paris
im Jahre 829 und Mainz 88823) verordnen,
die Messe nur an einem ehrbaren Orte oder
auf Reisen nur auf einem vom Bischof kon-
sekrierten Stein zu lesen.

Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb
der Tragaltar vielfach in Gebrauch. Gegen
Ende des X. Jahrh. brachte ein Archidiacon
Godefridus von Mailand einen mit Gold
und Silber verzierten Tragaltar aus Mailand
nach der Abtei des hl. Benignus zu Dijon,24)
und Wilhelm der Eroberer vermachte einen
Tragaltar, den er auf seinen Heerzügen mit-
genommen, der Abtei „von der Schlacht".25)
In Deutschland aber haben wir das Zeugnis
der zahlreichen Tragaltäre, welche uns aus
dem Beginne des XI. Jahrh. noch erhalten sind
und von denen weiter unten ausführlich die
Rede sein wird. Namentlich zur Zeit der
Kreuzzüge scheint die Verbreitung und der
Gebrauch des Tragaltares sehr zugenommen zu
haben. Die Ausstattung der mitzuführenden
„Kapelle" wurde manchmal anscheinend in
luxuriösester Weise betrieben.26)

'•) Rudolphus »Vita B. Kabani Mauri«, n. 26.
Migne P.L., CVI1, 55. Vergl. Eiginhart »Trans-
latio martyrum Marcellini et Petri«, c. 2 n. 20 Migne
P. L., CIV, 549.

*°) Hefele »Konzilien-Geschichte« III. 479.

21) »Capit.«, 1. I. c. 14 (an. 769). Migne P. L.,
IIIC, 124.

2J) »Capitul. a. XII. superadd.«, c. 3, n. 732.
Migne P. L., CXXV, 794.

23) Harduin »Concilia« V, 324, VI, 406.

24) »Annales archeologiques« IV. (1846) 289.
") Rock »The church of our fatheis«.!, 251.
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