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Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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https://doi.org/10.11588/diglit.35084#0037

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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 27.

Hamburger Stadtpark. Treppen- und Kaskadenanlage am großen See.


die ihren gegebenen Ausgangspunkt in den ländlichen Herren-
sitzen und graziösen Parkschlössern vergangener Tage findet,
die aber in durchaus selbständiger, von jeder Stilkunst freien
Auffassung sich an den gestellten Aufgaben zeitgemäß weiter-
entwickelt. Feinsinnig ist der zugrunde gelegte Charakter je
nach dem Zweck der einzelnen Bauten leicht abgewandelt,
nähert sich beim Kaffeehaus zum Beispiel dem Idyll und steigert
sich beim Kaskadenbau zur monumentalen Wirkung, ohne doch
die durch Künstlerhand festgehaltene Einheitlichkeit zu durch-
brechen.
Nur die Milchwirtschaft in der nördlichsten Ecke, zwischen
zwei Spielplätze eingebettet, taucht als typisches Vierländer-
gehöft aus den umgebenden Obstgärten hervor. Über dieses
Vierländergehöft hat sich die Fachkritik sehr aufregen zu müssen
geglaubt, weil es aus dem Rahmen der übrigen Bauten heraus-
falle. Unsere Zeit hat ja die stark ausgesprochene Neigung, die
Geschlossenheit des Kunstwerks durch die Einheit des Motives zu
erzwingen. Aber darum wollen wir doch keine Schulmeister sein,
sondern uns eine kleine Freiheit gegenüber den derzeit gültigen
Vorschriften gerne gefallen lassen. Der Park ist
ja zudem so groß und das Vierländer Gehöft
liegt so versteckt, daß von einer Störung des
Gesamtcharakters nicht gesprochen werden
kann und wenn ein ganzes Freilichtmuseum
aus alten Vierländer und Altländer Bauern-
häusern dort aufgestellt würde — eine Möglich-
keit übrigens, auf die ganz nachdrücklich und
empfehlend hingewiesen sei. Die alte gute
Bauernkunst rückt vor der umsichgreifenden
Großstadt Hamburg scheu zurück. Der Ge¬
danke eines Freilichtmuseums in Verbindung
mit der Milchwirtschaft im neuen Park könnte
rein praktischen, wie auch erzieherischen
Zwecken in gleicher Weise dienen, und die
Hamburger, die in Stellingen sehen, wie die
Sioux und die Singhalesen leben und wohnen,
sollten auch wieder mit der aussterbenden
Niedersachsenkultur in Fühlung gebracht wer¬
den. Vorerst denken die Verfasser, wie es
scheint, nicht an solche Pläne, es handelt sich
vielmehr um die Schaffung eines modernen
landwirtschaftlichen Baues in der Art der Vier-
länder Gehöfte. Daß dabei nicht sklavische Ab-
schreiberei, sondern zeitgemäßes Neuschaffen
erwartet werden darf, ist selbstverständlich.
Auch in diesem Falle wird ein nützliches und

erzieherisches Werk entstehen, denn eine witzlose Vierländerei
ist zurzeit in der Hamburger ländlichen Umgebung Mode und
treibt dort oft recht bedenkliche Blüten.
Will man den architektonischen Stil, den die Verfasser für
die Gestaltung der gärtnerischen Anlage gefunden haben, auf
eine Formel bringen, so wird man sagen müssen: der Park von
Winterhude ist ein bedeutsames Glied in der Reihe neuester Ver-
suche unserer deutschen Gartenarchitekten, einen unabhängigen
eigenen Gartenstil zu schaffen, einen Stil, der vom französischen
Park die Großzügigkeit der Achsen und Perspektiven, vom eng-
lischen die malerische Ungezwungenheit und Innigkeit der Land-
schaftsbilder aufnimmt und doch nicht etwa eine Stilmischung
darstellt, sondern in der künstlerischen Verschmelzung der
Motive etwas charakteristisch Neues ist. Nur Theoretiker, die
augenblicklich in der starren Durchführung der Rechtecksformen
das Heil in der modernen Gartenkunst suchen, werden diese
Entwicklung als etwas Unzulängliches beklagen. Mir will
scheinen, als ob gerade in der Durchdringung von strenger
Ordnung mit spielender Natur, in der Berankung des konstruk-


Hamburger Stadtpark.

Pavillon für Brunnen-Kuren.
 
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