Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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1911, 5.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 51.

Vom Standpunkte c. Der Bergmeister-Hof in Würzburg. Vom Standpunkte d.


sind meisterhaft gelöst. Auch macht sich im Privatbau ein von
Jahr zu Jahr reifer werdender, moderner Stil sichtlich bemerkbar.
Die künstlerische Erscheinung unserer Neustädte kann also
nicht allein dem formalen Ungeschick der Architekten in die
Schuhe geschoben werden.
Eine ihrer Hauptsachen liegt zweifellos in der Gestaltung
der Bebauungspläne, bei denen die mustergültigen Vorbilder
unserer alten Stadtanlagen zu wenig berücksichtigt sind. Hierfür
sind aber in erster Linie die städtischen Behörden verantwortlich
zu machen, die, als das Wachstum der Städte so stürmisch ein-
setzte, dem Geometer die Festlegung des neuen Straßennetzes
überließen, allenfalls unter Zuziehung des Ingenieurs, der die
Pflasterung und die Kanäle auszuführen hatte. Für beide war
naturgemäß die gerade Linie und die rechtwinklige Straßen-
kreuzung als die bequemste auch die schönste Form. Daß die
Anlage von Straßenzügen und Plätzen eine Aufgabe für künst-
lerisch geschulte, räumlich denkende und Raumgebilde schaffende
Architekten sei, ist freilich selbst den Architekten erst in den
neunziger Jahren aufgegangen, nachdem Camillo Sitte in
seinem Buche über den Städtebau ihnen die Augen für die
Reize alter Straßenbilder und Plätze geöffnet und auf die Mittel
hingewiesen hatte, mit denen ähnliche räumliche Wirkungen
beim Bau neuer Straßen und Plätze zu erzielen seien. Seitdem
haben auch die Technischen Hochschulen den künstlerischen
Städtebau in ihren Lehrplan aufgenommen und manche Städte
durch Wettbewerbe die künstlerische Bebauung zu fördern ge-
sucht. Daß diese Bestrebungen nicht erfolglos gewesen sind
zeigte die Berliner Städtebauausstellung 1910. Noch immer aber
fehlt in gar zu vielen Stadtverwaltungen die Überzeugung von
der Notwendigkeit eines derartigen Vorgehens.
Es würde zu weit führen, wollte ich im einzelnen auf die
Mittel eingehen, welche bei Neugestaltung der Bebauungspläne
zu Gebote stehen, um künstlerische Wirkungen der fertigen
Straßen im Sinne unserer alten Stadtteile zu erzielen.
An den Hauptverkehrsstraßen darf dichtere Bebauung und
größere Fronthöhe gestattet werden als in den Wohnvierteln,
für die schon im Stadtplan die Dichtigkeit und die Art der
Bebauung, ob offen oder geschlossen, vorzuschreiben ist.
Besondere Sorgfalt ist bei der Einteilung des Straßennetzes
und der Häuserblocks denjenigen Stadtteilen zu widmen, welche

für kleinste Einfamilienhäuser der minderbegüterten Bevölkerung
bestimmt sind. Hier kann enge Bebauung zwar zugelassen
werden, aber die Höhenentwicklung ist zu beschränken auf Erd-
geschoß und ein ausgebautes Dachgeschoß. Für Fabrikanlagen
sind besondere Stadtteile auszusondern.
Neben reizvoller Führung der Straßenzüge, zweckmäßiger

Der Bergmeister-Hof in Würzburg. Lageplan.


Unter den vielen traulichen Plätzchen und Höfen Würzburgs
bietet der Bergmeister-Hof mit seinen wie eine Musterkarte der
Jahrhunderte zusammengestellten Häusern und den prächtigen Frei-
treppen davor eins der reizvollsten Bilder alter Bauweise, das wegen
seiner versteckten Lage wohl nur wenigen bekannt ist. Seinen Namen
hat der Hof von der Wohnung des einstmaligen „Bergmeisters“, d. i.
des Hüters und Aufsehers der berühmten Weinberge des Domstifts,
in dem Hause mit dem Treppenturme (Ansicht vom Standpunkte a).
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