Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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1911, li.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 123.

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Bremer Landhaus. Architekt: Professor Emil Högg in Bremen.


„Rembrandt als Erzieher“, das den Deutschen die Wichtigkeit
der künstlerischen im Gegensatz zu der wissenschaftlichen Kultur j
wieder ins Gedächtnis rief. Auf Lagarde und Nietzsche fußend,
suchte der Verfasser jenen alten Wahrheiten wieder zu ihrem
Rechte zu verhelfen, daß die Verstandestätigkeit allein den
Menschen weder befriedige noch die letzte Erfüllung seines
Sehnens sein könne, daß keinerlei menschliche Tätigkeit ohne
den Einschlag der Empfindungswerte, des höheren seelischen
Ahnens, der Intuition, ihr Endziel erreiche. Er wies auf die
bekannte Tatsache hin, daß selbst alle großen wissenschaft-
lichen Forscher und Entdecker mehr durch Intuition als durch
Empirik zu ihrem Ziele gelangt seien, und er kam zu dem
Schluß, daß nur, wenn Deutschland aus dem letzten wissen-
schaftlichen nunmehr in ein künstlerisches Zeitalter trete, die
Mängel unserer Zeit ausgeglichen werden könnten. Was der
Rembrandtdeutsche seinen Zeitgenossen predigte, erregte Kopf-
schütteln, fing aber wenige Jahre darauf an, sich vorzubereiten.
Wir erinnern uns jener Jahre des Gärens und Aufwallens, die
zwischen 1890 und 1895 liegen, jener Jahre, die den Geburts-
wehen einer neuen Zeit glichen, und in denen auf allen Ge-
bieten der Kunst sich mächtige Revolutionen ankündigten.
Wir erinnern uns sodann der Jahre um 1895, in denen zunächst
auf einem Spezialgebiete, dem des sogenannten Kunstgewerbes,
die Revolution zum Ausbruch kam. Wir wissen, daß damals
mit dem Schlagwort der modernen Kunst alle Himmel gestürmt
werden sollten, daß jede Wiederholung früher angebrachter
Formen verpönt war, daß man eine neue formale Ausdrucks-
weise der Architektur aus dem Boden zu stampfen versuchte.
In der Treibhausatmosphäre, aus der die rasch wechselnden
Stilmoden in jenen Jahrzehnten entsprungen waren, erstand
aber zunächst nur ein Wechselbalg der modernen Kunst, der
Jugendstil, der, wie wir heute sehen, fast noch größere Ver-
heerungen angerichtet hat als die vorher üblich gewesenen
Repetitionen der historischen Stile. Aber es ist doch bezeich-
nend für die Kraft, die in der Bewegung lebendig war, daß
sie unbeirrt von diesen Zwischenfällen weiter trieb, um dem
dunklen Drängen der Zeit Gestalt zu geben. Das Mauserungs-
gefieder wurde abgeschüttelt. Und nach wenigen weiteren
Jahren schon erreichten wir eine Klarheit des Ausdrucks,
die, wie sich auf der Ausstellung Dresden 1906 zeigte, fast
ein einheitliches nationales Gepräge annahm. Die anfänglich
kunstgewerbliche Bewegung wurde binnen kürzester Frist zu
einer großen allgemeinen Bewegung, die die Reform unserer

gesamten Ausdruckskultur zum Ziele hatte. Der künstlerische
| Geist, einmal angefacht, griff noch weiter um sich, griff in alle
Nachbargebiete ein, suchte die Bühne, den Tanz, das Kostüm
zu reformieren. Ur
Nachbarkünsten, der
Malerei und Bild¬
hauerei, halt, die
wenigstens zu einem
Teil dem Drange der
Zeit folgten und
eine strengere archi-
tektonischeRichtung
annahmen.
Vom bürgerlichen
Innenraum ausge¬
hend, bei dem eine
vollkommen neue
Ausdrucksform
schon heute Gemein¬
gut unserer Zeit ge¬
worden ist, sprang
die Bewegung über
auf das Haus und
den Garten. Ein neuer künstlerischer Geist wurde dadurch
als Parallelbewegung in der Architektur erweckt, diese wandte
sich ganz neuen Gebieten, der Straßenanlage, dem Industriebau,
der Anlage ganzer Siedelungen und Städte zu, so die weit-
greifendsten architektonischen Probleme mit Beschlag belegend.
Von den einzelnen handwerklichen und industriellen Produktions-
zweigen blieb nicht einer von der neuen Auffassung unbeein-
flußt, zumeist wurden sie in ihrer formalen Ausdrucksweise
vollständig umgewandelt. Wir brauchen hier nur an die großen
Gebiete des Möbelbaues, der Metallgeräte und Beleuchtungs-
körper, des gedruckten Buches zu denken. Mochten sich die
Berufsangehörigen sträuben, mochten sie Proteste gegen den
neuen Geist, der einzudringen versuchte, erheben, die Reformen
schritten über ihre Köpfe hinweg, schließlich sie selbst im
Strudel mitreißend.
So können wir heute das merkwürdige Ergebnis feststellen,
daß binnen zwanzig Jahren dem Geistesleben unserer Zeit eine
neue Wendung gegeben worden ist. Auch der größte Zweifler
muß zugestehen, daß die Ideen, die der Rembrandtdeutsche,
damals ein Prediger in der Wüste, vortrug, einen Siegeslauf

er machte selbst nicht vor den großen


Erdgeschoß-Grundriß des Bremer Landhauses.
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