Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

Seite: 124
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Seite 124.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 11.

zurückgelegt haben und daß seine damals verlachte Prophe-
zeiung, daß Deutschland wieder in ein künstlerisches Zeitalter
eintreten werde, wenigstens zu einem Teile erfüllt worden ist.
Denn sicherlich ist heute ein weitverbreitetes Interesse an unseren
Bestrebungen im großen Publikum vorhanden; der Sinn eines
guten Prozentsatzes der Bevölkerung ist offen, das Evangelium
zu hören. Namentlich aber steht die junge Generation mit
voller Selbstverständlichkeit auf dem Boden der Anschauungen,
die wir vertreten. Die handwerklichen und industriellen Wider-
sacher schweigen und bekunden ihre Stellungnahme dadurch,
daß sie sich still die Ergebnisse
unseres Strebens aneignen. Ent¬
halten doch ihre Kataloge und Schau¬
fensterauslagen heute durchweg das,
was sie noch vor fünf Jahren aufs
heftigste bekämpften.
Wir, die wir mitgekämpft und
mitgerungen haben, können dies alles
nicht ohne ein Gefühl innerster Genug¬
tuung feststellen. Wenn wir unter¬
wegs verzweifeln wollten gegenüber
dem Unverstand der Menge, dem
Gegeneifer der Berufskreise, die sich
in ihrer Ruhe gestört sahen, so haben
wir heute das Gefühl, daß wir über
den Berg hinweg sind. Sollte uns
bei dieser Sachlage nicht ein Sieges¬
gefühl beseelen? Sollten wir uns
nicht darüber freuen, wie so herrlich
weit wir es gebracht haben?
Die Freude an den Erfolgen wird
uns niemand nehmen. Aber außer¬
ordentlich verfehlt würde es sein, den
Sieg angesichts der heutigen Ergeb¬
nisse für errungen, die zu leistende
Arbeit bereits für erledigt zu halten.
Denn die Ergebnisse erscheinen uns
nur, aus dem Mittelpunkte unseres
engeren Interessenkreises heraus be¬
trachtet, so groß. Verlassen wir
diesen, treten wir hinaus ins prak¬
tische Leben, so schrumpfen sie be¬
denklich zusammen. Jeder von uns,
der als Künstler mit dem Publikum
zu tun hat, weiß, welche enormen
Widerstände heute noch zu über¬
winden sind, um auch nur die ein¬
fachsten und selbstverständlichsten
künstlerischen Grundsätze zur Geltung
zu bringen. Sentimentalität, Nütz¬
lichkeitsverbohrtheit, Gewöhnung an
Schlechtes stehen im Wege. Weite
Kreise, wie die Aristokratie und die
reichen Leute, verhalten sich kate¬
gorisch ablehnend, weil ihnen die
reinigende Tendenz unsympathisch, das
bürgerliche Bekenntnis der neueren
Kunstauffassung unheimlich ist. Wenn
wir aber auch, trotz alledem, inner-

das Bedürfnis, uns zu folgen, und das Ausland sieht noch keine
Veranlassung, bei uns zu kaufen. Beide Instanzen halten sich an
das, was sie für aus- und abgemacht halten; sie sind dem Ver-
suche abhold und mißtrauisch gegen alles, was nicht ab-
gestempelt ist. Die Götzen, die wir in unserem engeren Kreise
gestürzt haben, sie stehen für sie noch aufrecht. Das Unechte,
das wir erkannt haben, übt auf sie noch seine Wirkung aus.
Alljährlich entstehen im Auslande große Ausstellungen mit der
schlimmsten Kitscharchitektur. Und unsere reichen Leute treibt
ihr Mangel an eigener Überzeugung zur blinden Jagd nach
dem Historischen, sie umgeben sich
mit Antiquitäten dunkler Abstammung,
die sich nach zehn Jahren in einer
gewissen ausgleichenden Gerechtig-
keit als gefälscht zu erweisen pflegen.
Und so müssen wir vielleicht auch
heute noch sagen, daß zwar ein
Sieg der neuen deutschen Kunst fest-
zustellen ist, daß es sich jedoch um
einen mehr theoretischen als prak-
tischen Sieg handelt. Es sind gute
Resultate da, aber man macht noch
keinen Gebrauch von ihnen.
Daraus folgt die dringende Not-
wendigkeit, eifrig weiter zu streben.
Angesichts der Tatsachen liegt vor
allem die Aufgabe vor, die Bewegung
auf eine gesicherte Grundlage zu
stellen, sie zu festigen, ihr weiteste
Kreise zu erschließen. Nur dann
können wir hoffen, ihre Lebensfähig-
keit über alle Zweifel zu heben.
An und für sich wäre es auch
höchst erstaunlich, wenn das, was
in einem Jahrhundert verloren worden
ist, in zwanzig Jahren wiedergefunden
sein könnte, wenn das verschwundene
Gefühl für die Form sich so rasch
erneuern ließe. Das war mit dem
besten Willen nicht zu erwarten. Es
werden weitere Jahrzehnte nötig sein,
um die gemachten Anfänge auszu-
bauen, soweit wir überhaupt hoffen
können, wieder auf etwas Ähnliches
wie die früheren Kunstzustände zu
gelangen. Ob es möglich ist, diese
zurückzuführen, wird von vielen ernst-
haft bezweifelt. Unbedingt zeigt näm-
lich die Beobachtung der letzten
Entwicklung, daß auf allen Gebieten
die rhythmische Gebundenheit und Ge-
messenheit, der geschlossene Lebens-
stil früherer Generationen verlassen
wird, daß er einer mehr nüchternen,
formlosen, unter Umständen indivi-
dualistischen Auffassung weicht. So
sehen wir, wie noch das achtzehnte
Jahrhundert in seinen Umgangsformen,
in seinen Festen, in der Einrichtung


Geschäftshaus Rößner
in der Schloßstraße
in Dresden.

Architekt:
Max H. Kühne
in Dresden.

halb Deutschlands noch einen weitreichenden Erfolg unserer
Bestrebungen für uns in Anspruch nehmen können, so dürfen
wir doch nicht unterlassen, hinzuzufügen, daß das Ausland im
großen und ganzen noch wenig Notiz von unserer neuen
Geschmacksentwicklung nimmt. Schließlich, was das Schlimmste
ist, wir wissen auch selbst noch nicht recht, wohin wir im
Sinne einer Stilentwicklung, von der alle Welt spricht und die
jedermann von uns erhofft, treiben. Eine gefestigte Überlieferung
unserer neuen formalen Ausdrucksweise hat sich noch nicht ge-
bildet, sie ist zwar im Keime vorhanden, aber den Zeitgenossen
als solche sicherlich noch nicht erkennbar.
Diese heute festzustellenden Unzulänglichkeiten greifen
ineinander über. Eben weil wir noch keine gefestigte neue Über-
lieferung haben, hat das bequemere große Publikum noch nicht

des Hauses und des Gartens festumgrenzten Regeln folgte,
wie alle diese Dinge aus einem Gefühl für wohltuende Schick-
lichkeit hervorgingen, wie ein Sinn für Rhythmus das ganze
Leben beherrschte. Damals konnte denn auch eine Archi-
tektur als Überzeugung eines Zeitalters vorhanden sein, denn
in gewissem Sinne war die ganze Lebensführung architektonisch.
Aber diese rhythmisch-architektonische Lebensbetätigung des
achtzehnten Jahrhunderts war nur das Ende eines Zustandes,
der bis dahin die Menschheit aller Kulturen überhaupt beherrscht
hatte. Sehen wir doch schon bei den ersten Kulturregungen
der Urvölker in jeder Betätigung, sei es im Tanz, in der Sprache,
selbst bei Verrichtung ihrer primitiven Arbeiten, das Walten
eines instinktiv sich betätigenden, rhythmischen Gefühls. Die
Musik dient dem Tanz und der Geste als Taktmesser. Die
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