Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

Seite: 181
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lionen Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, die also mehr
Köpfe zählen, als der souveräne Staat Norwegen Einwohner hat.

Wir Deutschösterreicher stehen infolge der geographischen Lage unseres
Wohngebietes manchen nichtdeutschen Völkern ebenso im Wege wie Deutsch«
land seinen feindlichen und neutralen Nachbarn; denn die Ausdehnung
dieser Völker kann nur in der Richtung auf das deutsche Volks-- und
Staatsgebiet erfolgen. And weil wir diese Zerfleischung unseres Volks«
körpers nicht widerstandslos dulden, weil wir uns nicht langsam erwürgen
lassen, sondern uns wehren, deshalb schilt man uns Friedensbrecher und
Unterdrücker.

Wir wissen, dast kein Engel, vom Himmel herabgesendet, die Mauern
von Vorurteilen, Irrtümern und vorgefastten Meinungen in den Köpfen
der Neutralen durchbrechen kann — geschweige denn wir. Wir wissen,
daß. jede Aufforderung zu einem Vergleiche des österreichischen Aationa«
litätenrechtes mit dem Rußlands, Englands, Belgiens, Frankreichs oder
der Union vergeblich ist; denn es ist bequemer, fertige Arteile aus dem
Munde eines französischen Schönredners zu übernehmen, als sie durch
mühsames Studium und strenge Selbstkritik zu erarbeiten. Wir rechnen
daher nicht mit einem Erfolge unserer Aufklärung, die ja übrigens auch
nur recht unvollkommen sein kann. Das österreichische Problem läßt sich
nicht in einem Aufsatze darstellen. Dennoch hielten wir es für unsre Pflicht,
an einem Schulbeispiele die Methoden aufzuzeigen, deren sich die geisti«
gen Führer unserer Feinde im Geisteskampfe bedienen. Ihre Erfolge
beruhen auf einer alten, jedem Volksredner bekannten Erfahrung: bei den
Zuhörern nichts als bekannt voraussetzen. FranzIesser

Erich Wolfgang Korngolds Opern

Nachdenkliches zu dem Fall eines „Wunderkindes


as kleine Lustspiel „Der Ring des Polykrates" und die kurze Tra-
gödie „Violanta" werden in diesem Winter über die deutschen
Opernbühnen gehen und den Namen des heute erst ldjährigen
Komponisten, der sie mit und ^7 Iahren schrieb, im Reiche bekannt
machen. Es muß angenehm sein, so jung vor die Kritik zu kommen.
Wenn man sich mit den Werken als einer, der etwas kann, ausweist, dann
erhält man doppelt und dreifach Lob. Mangelt es aber an irgend etwas,
so wird man doppelt entschuldigt, da sich für das, was fehlt, ja die Iugend»
lichkeit verantwortlich machen läßt. Und auf was für „Entschuldigungen"
verfallen selbst ernste Kritiker! Korngolds Lustspiel ist unzweifelhaft über«
laden mit Musik. Ein Kritiker schildert das so: Das Streben, zu unter«
halten, brachte für Korngold noch eine Gefahr: „Es verleitete ihn zum
Zuviel". And nun fährt der Kritiker fort: „Das ist zu erklären aus seiner
Iugend. Wo soll ein Sechzehnjähriger auch das Stilgefühl schon her
haben, das ihm gebietet, die Fülle der Gesichte zu dämmen, sie in wenige,
aber kräftige klare Linien zu bannen? Das kann nur der reife Meister."
Es bleibe dahingestellt, ob hier nicht Fülle der Gesichte statt Fülle der
Redensarten steht. Aber davon kann im Ernst keine Rede sein, daß das Stil«
gefühl von „reifen" Meistern gepachtet sei. Man sehe sich unter diesem
Gesichtspunkt die Iugendwerke Mozarts, Beethovens oder — um das
nächstliegende Beispiel zu nennen — Mendelssohns an; schwerlich sind
sie alle überfrachtet. Eine schlichte und ernste musikalische Erziehung
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