Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 3.1886

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des Herrn durch alle ihre Stadien, von seinem Ansführen
bis an seinen Tod am Kreuze und kan: er unter das Kreuz,
da bat er den Herrn, daß seinen Diener weder Leben noch
Tod, weder Lieb noch Leid von ihm scheiden möchte.
Ganz erstaunlich und fast nnglaubbar, wenn sie nicht
Suso selbst berichtete, sind die Abtötungen seines Leibes. Ein
hären Hemd und eine eiserne Kette trug er so lang auf seinem
Leibe, bis das Blut von ihm rann, und er beides ablegen
mußte. Darauf ließ er sich ein Unterkleid machen; andert-
halbhundert spitze Messingnägel, woran die Spitzen einwärts
gekehrt, an Niemen geführt, darin schlief er des Nachts und
er ließ davon nicht ab, mochten im Winter die Nächte noch
so lang und die Tage im Sommer noch so heiß sein. Dann
hatte er sich ein hölzern Kreuz gemacht, das war in der
Länge als eines Mannes Spanne. Darin hätte er 30 Nägel
mit vorstehenden Spitzen Ungeschlagen; das spannte er auf
seinen bloßen Rücken zwischen die Schultern ans das Fleisch
und trug es 8 Jahre lang Tag und Nacht. Es machte ihn
bei jedem Bücken oder wenn er zur Nachtzeit darauf zu liegen
kam, blutig und versehrt. Auch ließ er sich lederne Hand-
schuhe machen und sie um und um mit Messingstiften besetzen;
die legte er des Nachts an, sie verwundeten ihn, wenn er mit
seinen Händen irgendwo hin im Schlafe fuhr, um sich behilf-
lich zu sein, z. B. das stechende Ungeziefer zu vertreiben. So
geschah es, daß er mit den spitzigen Stiften in den Busen
fuhr und sich elendiglich zerkratzte, so daß , ihm das Fleisch
schwärte an den Armen und um das Herz. Diese märterliche
Uebung trieb er wohl sechszehn Jahre. Sein Lager war eine
alte weggeworfene Thüre, darauf hatte er eine dünne Matte
aus Rohr gelegt, die reichte ihm nur bis an die Kniee; sein
Haupt ruhte aus einem kleineil Kissen von Erbsenstroh; wie
er des Tages ging, so lag er des Nachts, nur daß er einen
dicken Mantel umthat, der aber auch gar kurz war, so
daß die Füße ihm erfroren, wenn er sie ausstrecken wollte.
Dazu kam noch das öftere scharfe Disziplinieren unter grim-
men Schlägen seiner Geiseln, die er aus Riemen machte und
mit messingenen spitzen Stiften scharf wie ein Griffel beschla-
gen ließ. Mit der Schilderung der Wirkungen dieser schau-
derhaften Geiselung sollen die zarten modernen Nerven ver-
schont bleiben, nur das soll bemerkt sein, daß er öfters Essig
und Salz genommen und seine blutenden Wundeil damit ein-
gerieben hat, damit seiner Schmerzen um so mehr wurden.
Zu diesen schauerlichen Abtötnngen gesellte sich noch die Ent-
haltsamkeit im Reden, im Schlafen, in Wärmung, im Essen
und Trinken, so daß all seine Natur nach Löschen des un-
erträglichen Durstes drang und er oft, wenn er also dürre und
ansgetrocknet im Chore stand und man das Weihwasser nach
Gewohnheit umgab, den dürren Mund weit gegen den Spreng-
wedel öffnete, ob etwa ein Tropfen des Wassers seine glühende
Zunge ein wellig erkühle. (Fortsetzung folgt.)

Das altehrwürdigh Franzrskanrrnnrrn-Kloster
Kaufüruren und die Seligsprechung der Ehr-
würdigen Kreszentia.
Neue Folge.
(Fortsetzung.)
Begräbnis. Wallfahrten zum Grabe der Ehr-
würdigen Kreszentia. Der Ruf ihrer Heiligkeit.
Ans die Kunde von ihrem HinsHeiden strömten Scharen
herbei, auch Protestanten, um ihren Leichnam zu schallen. Das
Gesicht war jetzt schön, weiß und rot, die Lippen lieblich und
rosenrot. Sie glich einer blühenden schlafenden Jungfrau.

Jener wunderbare Wohlgernch, den die irdischen Überreste
vieler Heiligen verbreiteten, war die drei Tage vor ihrem Be-
gräbnis überaus erquickend für Leib und Seele und wurde
allgemein empfunden. Ihr Sterbezimmer war im untern Stock
neben der Hansthüre, während sie in der bis heute erhalteneu
sog. Kreszentiazelle im zweiten Stock wohnte. Nach alteul
Herkommen waren die verstorbenen Klosterbewohnerinnen vow
Pfarrer in der Pfarrkirche beigesetzt worden. Allein eineu
solch kostbaren Schatz wollte das Kloster in seinem eigeueu
Kirchlein bewahren. Mit bischöflicher Erlaubnis hielt UUU
der Provinzial frühmorgens (8. April) in aller Stille, uiu
allzugroßes Znsammenströmen von Menschen zu verhüten, du
Beerdigungsfeier. H Nur in Gegenwart weniger vertrauteU
Auswärtigen trugen 8 Schwestern den Leichnam ihrer teuren
Mutter in das Klosterkirchlein, ganz nach dein Geiste ihre-'
Ordens in aller Armut, nur das Kruzifix voraus und uut«n
dem Läuten des einzigen Klosterglöckleins. Derselbe wm'N
in der im Schiffe gemachten Gruft bestattet, das Grab sogleich
geschlossen und mit den gleichen Ziegelsteinen wie der Fuß'
boden bedeckt. Nur ein Sandstein mit den Anfangsbuchstaben
ihres Namens, einem Kreuz und Jahreszahl wurde darübe)'
eingefügt. Später wurde am nahen südlichen Pfeiler eine st<w
nerne Gedenktafel angebracht mit der noch sichtbaren In-
schrift : „Hier liegt begraben die Ehrwürdige Mutter
'4403SM. welche den 5. April 1744 in Gott
selig gestorben, ihres Alters im 62. Jahre." Vom 11- ^
15. Juli 1771 wurde auf den alten Fußboden ein treue)
Pflaster gelegt, wobei eine bischöfliche Kommission die Stelle
über dem Grabe versiegelte. Nachdem auch diese überpflastst'st
wurde wieder ein bescheidener Stein in der Mitte eingefügt
mit der Inschrift ch lVl. E. 44. (Mar. Cresc. Hössin) 177P
das Grab aber blieb unberührt. Erst am Schlüsse des apch
stolischen Prozesses (1. Okt. 1788) wurde dasselbe geösfw'
durch eine beeidigte Kommission. Wegen einer Wasserleitung
unter der Kirche waren die Gebeine mit der feuchten Esch
vermischt, das Haupt aber vollständig erhalten. Die Gebeiist
wurden von den Ärzten wieder anatomisch zusammengesügt uw
am 2. Okt. in einem kleinern verzinnten Sarge von Nußbaunst
Holz (Geschenk des Abtes Honorat von Ottobeuren) in dew
selben Gruft, dem Hochaltäre zu, die mit Gebeinchen vermischt
Erde aber in einem größeren Sarge der Kirchenthüre zu best
gesetzt. Über einem versiegelten Deckel schloß eine schöne MuH
morplatte wieder das Grab. Seitdem ist es unberührt; uN
wurde bei der sehr würdigen Restauration, des altehrwürdigen
Klosterkirchleins (1877) der Boden ringsum mit neuen Plattst)
belegt und 1880 im nahen nördlichen Pfeiler ein Reliefbits
der Ehrw. Kreszentia ans weißem Marmor (von einem Fraw
ziskanerbruder in Düsseldorf) eingesügt. (Das notarielle D0'
kument der Graböffnung ist noch im Klosterarchiv.)
Das bis heute so unscheinbare Grab unter dem Fnß(
boden im Schiffe des Kirchleins wurde nun der Gegensinns
einer wahrhaft großartigen religiösen Verehrung und der Malst
net unzähliger Wallfahrer aus nah und fern. Damals bsst
Kaufbeuren das Bild einer ganz außerordentlichen religiös st
Bewegung, welche gleich nach der Beisetzung der Ehrw. K^st
zentia begann und in der letzten Hälfte des vorigen JahrhnNs
derts sich immer mehr steigerte. Bezeugte ja Pfarrer Meichst
beck von Kaufbenren im Kanonisationsprozesse, daß mehr als estst
mal 3—4000 Wallfahrer an einem Tage kamen, von denen ^

*) Einladungsschreiben des Pravinzials an den Abt von
. . . . -in silentin Nora 6 n-r ernstinn Nie sepelietur in ecclesin
Nnninlikus proprin.« (Pfarrarchiv.)
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