Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 14.1869

Page: 217
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Herausgegeben und redigirt von

vr. Max Schauer.

Preis des Journals pro Quartal 1% Thlr. Bei Pränumeration auf den ganzen Jahrgang erhalten die Abonnenten ausserdem das photographische
Künstler-Album in vierteljährlichen Lieferungen gratis. (Redaction der Dioskuren: Berlin, Hohenzollernstr. 9.)

Inhalt.

Abhandlung: Kritische Streifzüge auf dem Gebiet der Aesthctik. (Forts.) Kunst-Chroni!: Lokalnachrichten aus Berlin, Düsseldorf, Dresden, Gothen-

Korrespondenzkn: (»München, Ans. Juli. (Pinakothek und Glyptothek rc.) bürg, Paris.

— 8p. Braunschweig, Anfang Juli. (Die Humboldtbüste re.) — Kunstkritik: Das neue k. k. Opernhaus in Wien. II.

^Düsseldorf, Anfang Juli. (Die Semisäkularfeier der Akademie und Kunstgeschichte und Antiguitäten: Das bayerische Nationalmuseum. (Forts.)

ihre Folgen.) Kunst-Institute und -Vereine: Ostdeutscher Cyklns.

NB. Dieser Nro. liegt für die Jahres-Abonnenten die dritte Lieferung des diesjährigen Künstler-Albums „Portrait Genelli’s" nebst Text bei.

Kritische Streiszüge auf dem Hebiet der Uestijelik.

I. Cervinus' Ansichten über das princip der „Nachahmung" in der Kunst und seine Vergleichung

von „Musik" und „Malerei".

(Forts, statt Schluß.)

3. Mujlk und Malerei. (Forts.)
aradoxe Ansichten enthalten oft einen
tiefen Sinn; die spekulativsten Ge-
danken treten, ohne dies zu beabsich-
tigen, gerade am leichtesten in solcher
Form der Antithese auf. Denn genau ge-
nommen ist das „Paradox" (naqä dosav)
weiter nichts als das „gegen die konventio-
nelle Meinung Verstoßende". Die konventio-
nelle Meinung nun, als das Lieblingskind
des sogenannten gesunden Menschenverstan-
des, ist unter hundert Fällen 99 Mal auf
dem Holzwege, und es ist somit dem ver-
nünftigen Denken beim besten Willen unmöglich, sie nicht dann
und wann vor den Kopf zu stoßen. Die konventionelle Mei-
nung, welche auf ihre gesunden Sinne schwört, urtheilt nach

diesen ganz verständig, daß z. B. die Sonne sich um die Erde
und nicht umgekehrt diese um jene drehe; und wenn nun die
Wissenschaft dazu sagt: quod non, so ist das so ein Kopfstoß,
an dem die konventionelle Meinung Jahrhunderte lang Kopf-
schmerzen gehabt hat und zuweilen noch hat. — Wenn man
daher mit der Kennzeichnung „Etwas sei paradox" eine gegen
den gesunden Menschenverstand verstoßende Ansicht kurzweg ab-
thun zu können glaubt, so ist dagegen zu bemerken, daß man
damit eigentlich nur ausspricht, daß der „gesunde Menschenver-
stand" zuweilen ein Brett vor dem Kopfe hat, durch welches das
Licht der Wahrheit nicht durchzudringen vermag.

Wenn also die spekulative Philosophie beispielsweise be-
hauptet, „Sein oder Nichtsein" wären keine „Frage", näm-
lich kein Gegensatz, sondern vielmehr Dasselbe, so klingt das pa-
radox; denn es ist dem Verstände unbegreiflich und daher —
wie er bescheidentlich schließt — unsinnig. Und doch wird
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