Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 14.1869

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| 14ter Jahrgang. 1

t M 34. f

Herausgegeben und redigirt von

Dl. Max 8cha5ler.

^ LS. September

\ *86®. ^

Preis des Journals pro Quartal Thlr. Bei Pränumeration auf den ganzen Jahrgang erhalten die Abonnenten ausserdem das photographische
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Inhalt.

Abhandlung: Studien zur Charakteristik bedeutender Künstler der Gegenwart. Kunst-Chronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Göttingen, Koburg, Münster,
LXXII. Henry Leys. (Forts, u. Schluß.) Düsseldorf, Kreuznach, Nürnberg, Regensburg, München, Rom, Pom-

Korrespondenzen: f München, im September. (Die Ausstellung alter peji, Wien, Warschau, Konstantinopel, Athen.

Gemälde. Forts.) — □ St. Petersburg, im August. (Hiesige Kunstkritik: Die internationale Kunstausstellung zu München. (Forts.)
Kunstzustände. Forts.) Ausstellungskalender. — Briefkasten.

Studien zur tzharakleristik bedeutender Künstler der Gegenwart.

LXXII. Henry Leys.

(Forts, u. Schluß.)

»reilich, wäre Leys in dem Genre, das er
anstrebte, nicht weiter vorgeschritten und
nur darauf ausgegangen, eine Art Aehren-
lese von Schiefheiten der Naturanschauung
und von Absonderlichkeiten früherer Mo-
den zu halten und daraus musivisch Kar-
rikaturen zusammenzusetzen, so hätten jene
Witzlinge am Ende Recht, die ihn dahin
charakterisiren, daß er sich bemühe, Zeich-
nungsfehler zu machen, die er dem Publi-
kum als sublime Naivetäten und Einfach-
heiten der Ursprünglichkeit seines Schaf-
fens aufschwatze. An sich ist es schon
übertrieben, von Leys' Zeichnungsmän-
geln oder dergleichen zu sprechen. Es kommen in seinen Bil-
dern manchmal etwas verblüffende Partien vor, das ist wahr,
halbangelegte Gliedmaaßen, Füße, die etwas zu plump geriethen,
Zwischenköpfe, die nur drei Punkte haben, um mit Physiogno-
mien begabt zu gelten. Aber man merkt es sofort, daß Das

nicht etwa Unvermögen ist, sondern künstlerische Berechnung,
Effektökonomie, oder auch artistische Caprice. Man wußte auch
bei Delacroix, wie man es bei Courbet oder Milet
weiß, daß diese Herren, wenn sie wollten, tadellos akade-
misch zeichnen könnten, und wenn sie trotzdem oft bis an's
karrikirt Stümperhafte streiften oder streifen, so ist am aller-
wenigsten schwache Technik oder unsichere Routine daran schuld;
im Gegentheil. Bei Leys nun artete solche Absichtlichkeit
oder Caprice gar nie bis zur Karrikatur aus, machte sich
auch gar nicht breit, sondern lief nur so mit unter. Gerade
entgegengesetzt, im Ganzen zeichnete er peinlich korrekt und oft
so scharf, daß die Figuren aussehen, wie die von Glas-
fenstern, welche in allen Umrissen mittelst Bleiränder ein-
gefaßt sind. Aber all' diese Absonderlichkeiten vergißt man, hat
man sich nur einmal an diese fremde Welt gewöhnt. Man
steht wirklich einer schon seit Jahrhunderten verstorbenen Ge-
sellschaft wieder lebendig gegenüber, und zwar nicht wie in einem
Wachsfigurenkabinette, sondern tief angeregt von einer eigen-
thümlichen, auf's Gemüth wirkenden Sympathie, die fast schwer-
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