Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 14.1869

Page: 225
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Inhalt.

Abhandlung: Kritische Streiszüge auf dem Gebiet der Aesthetik. (Forts.) Kunst-Chronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Leipzig, Wien.
Korrespondenzen: p. Frauenburg, Mitte Juli. (Bischof Philippus re.) Kunstgeschichte und Antlguitäten: Das bayerische Nationalmuseum. (Schluß.)
— [?] Düsseldorf, Anfang Juli. (Die Semisäkularfeier der Akademie Kunstkritik: Das neue k. k. Opernhaus in Wien. III.
und ihre Folgen. Schluß.) Ausstellungskalender.

NH. Diejenigen Kreuzband-Abonnenten, welche bei No. 28 das Künstler-Album nicht erhalten haben sollten, finden dasselbe bei der gegenwärtigen.

Kritische Streiszüge auf dem Gebiet der Uesthetik.

I. Gervinus' Ansichten über das prineip der „Nachahmung" in der Kunst und seine Vergleichung

von „Musik" und „Malerei".

(Forts, statt Schluß.)

3. Musik und Malerei. (Forts.)
der Farbe — so schlossen wir unsern letzten
Artikel —, nicht zunächst in der Form haben
wir das bestimmende Moment des „Malerischen"
zu suchen; denn die Farbe ist Ausdruck des
zeitlichen Gewordenseins. Hier fühlen
wir uns nun gedrungen, das mögliche Mißver-
ständniß zu beseitigen, als ob wir die Form
etwa als ein weniger wesentliches Moment der
Malerei oder gar nur als eine äußerliche Zu-
that zur Farbe betrachteten. Im Gegentheil, schon der alte
Aristoteles bemerkt in seiner „Poetik", daß die schönsten Farben
in einem Gemälde, „planlos" — d. h. ohne bestimmte, den
geistigen Inhalt ausdrückende Form — aufgetragen, wirkungs-
los bleiben, während eine einfache Umrißzeichnung den Charakter
wiedergeben könne. In der Komposition liegt überhaupt das
geistige Element, im Kolorit das sinnliche und seelische des Ge-

mäldes. Aber organisch lebendig wird das Gemälde als solches
doch erst durch das Fleisch und Blut des Malens, d. h. durch
die Farbe. Freilich, auch der bloße Stoff des Körpers als
formlose Masse, d. h. ohne organische Gliederung, ist ein Todtes,
das seinerseits erst durch die gestaltende Form Leben erhält, aber
wenn dieses Leben ein geistiges ist, so ist dasjenige Leben,
welches der begeistigenden Form durch das sinnliche Element
der Leiblichkeit verliehen wird, erst ein wahrhaft wirkliches, kon-
kretes, warmpulsirendes Leben.

Es ist ganz unnütz, zu fragen, welches Moment das wich-
tigere und erste ist. An sich mag zugegeben werden, daß die
Form, weil sie den Geist — und der Geist ist immer das Erste
gegen den Stoff — enthält, das Notwendigste ist, denn ohne
ihn kommt der Stoff überhaupt gar nicht zur Gestaltung und
zum Leben; allein wenn von einer bestimmten Sphäre die Rede
ist, wie hier von der Malerei — nicht von der Kunst über-
haupt, sondern von der Malerei, z. B. im Gegensatz zur
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