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Dörpfeld, Wilhelm; Reisch, Emil
Das griechische Theater: Beiträge zur Geschichte des Dionysos-Theaters in Athen und anderer griechischer Theater — Athen, 1896

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https://doi.org/10.11588/diglit.5442#0108

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Das frührömische Theater (Kaiser Nero).

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früher offenen Canals erreicht. Die Grundfläche der Konistra wurde dadurch um
etwa 541m vergrössert. Ob diese Umänderung des Spielplatzes lediglich durch den
Wunsch, eine von einer Schranke umgebene Arena zu haben, veranlasst war, oder
ob auch die Absicht, ein erhöhtes Logeion nach italischem Muster zu schaffen,
massgebend war, vermögen wir nicht zu entscheiden.

Der Zuschauerraum scheint bei dem neronischen Umbau keine wesentlichen
Veränderungen erfahren zu haben. Vielleicht sind damals die Sessel durchgehends
mit Aufschriften versehen und einige Standbilder aufgestellt worden. Die Einrichtung
einer kaiserlichen Loge—so dürfen wir den mit einer besonderen Freitreppe verse-
henen Sitzplatz östlich von dem Sessel des Dionysos-Priesters wohl nennen—scheint
nicht der neronischen Zeit anzugehören, sondern wird wegen seiner schlechten
Bauart in eine jüngere Periode gesetzt werden müssen. Man könnte dabei an
die Anwesenheit Hadrians bei den Dionysien des Jahres 126 denken; doch pflegt
man auf Grund einer Vermutung von O. Benndorf (Beiträge z. Kenntn. d. att.
Theaters, S. 21) eine weiter westlich stehende grosse viereckige Marmorbasis als
Unterbau für den Sitz Hadrians anzunehmen. Eine der alten Treppen des Zu-
schaueraumes wurde bei der Anlage jener Loge überbaut und abgeschnitten. Je zwei
Marmorsessel, welche in der untersten Reihe neben jener Treppe gestanden hat-
ten, mussten dabei fortgenommen und in eine der oberen Sitzreihen gestellt werden.

Auch andere Veränderungen sind noch vor dem Umbau des Phaidros vor-
genommen worden. So wurde in der Mitte eines jeden Keiles ein Standbild des
Kaisers Hadrian aufgestellt, deren Postamente zum Teil noch vorhanden sind.
Das Bild im mittelsten Keile, unmittelbar hinter dem Sitze des Dionysos-Pries-
ters, war von dem Volk und Rat von Athen gewidmet, während die 12 anderen
den einzelnen Phylen ihre Entstehung verdankten (vergl. C. I. A. III, 464 und 466).

Da die unterste Reihe der Marmorsessel nicht mehr ausreichte für die grosse
Zahl der Priester und der bevorzugten Personen, wurde in verschiedener Weise
Ersatz geschaffen. Einmal wurde die unterste Sitzbank aus Porös ganz abgear-
beitet und durch eine ganze Reihe hölzerner Sessel ersetzt (vergl. oben S. 45 )•
Sodann stellte man auch in den oberen Reihen einzelne Marmorthrone auf : einen
Sessel ohne Rücklehne für den Priester der Olympischen Nike (vergl. C. I. A.
III, 245 und A. Müller, Lehrbuch, S. 95), einen anderen für die Priesterin der
Athena, Athenion, dessen Lehne jetzt abgebrochen ist (vergl. C. I. A. III, 282
und A. Müller, Lehrbuch, S. 96), und einen grösseren wohlerhaltenen Thron, den
die Stadt ihrem Wohlthäter Marcus Ulpius Eubiotus und seinen Söhnen errich-
tet hatte (vergl. C. I. A. III, 688 und A. Müller, Lehrbuch, S. 97).

Auch die vielen Inschriften, welche sich auf den oberen Porossitzen einge-
graben finden, stammen, wie sich aus der Form ihrer Buchstaben ergiebt, aus
dieser Zeit. Die Zahl derjenigen Personen, welchen das Recht eines festen Sitzes
im Theater verliehen wurde, war so gestiegen, dass selbst in den oberen Reihen
bestimmte Sitze vergeben und mit den Namen der Berechtigten versehen werden
mussten (vergl. oben S. 49).
 
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