Oechelhäuser, Adolf von; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,3): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Buchen und Adelsheim (Kreis Mosbach) — Tübingen [u.a.], 1901

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KREIS MOSBACH.

auch in Rücksicht auf das nach Osten abfallende Gelände, als den Neubau nach Westen
daranzusetzen. Auf diese Weise liegt der jetzige Chor im Westen und der Thurm
erscheint als seitlicher Vorbau der Ostfront der Kirche (s. Grundriss Fig. 101).

Die oben angeführte Jahreszahl 1502 findet sich innen über der kleinen nördlichen
Seitenthür des Chores. Eine zweite: 1605 steht über der Spitzbogenthür in der Ostfront,
zu der man mittelst einiger Treppenstufen emporsteigt. Die Thür in der südlichen
Längsfront (s. Fig. 103) ist offenbar aus derselben Zeit, und in denselben gothisirenden
Renaissance-Formen erscheinen auch die beiden grossen Steinemporen des Innern

sammt den dazu gehörigen Treppen-
thürmen, von denen aber nur noch der
der Südseite vorhanden ist. (Der andere
wurde gelegentlich der letzten Restau-
ration abgerissen.) Es hat somit bereits
hundert Jahre nach der Erbauung der
neuen Kirche eine eingreifende Um-
änderung stattgefunden, wobei man den
vorhandenen spätgothischen Formen sich
soweit anzupassen suchte, als dies für
einen Spätrenaissance-Steinmetzen mög-
lich war. Die schmucklose Thür der
Nordseite, zunächst dem Thurme, ist
noch Jüngern Datums.

Das Aeussere bietet ausser den
erwähnten Thüren nichts bemerkens-
werthes. Um so mehr überrascht ein
Blick in das Innere. Wie unser Grund-
riss (Fig. 101) zeigt, ist der um vier
Stufen erhöhte Chor in der ganzen Breite
des Schiffes angelegt, beiderseitig aber
ä durch steinerne Emporen eingeschränkt,
» so dass der Altarraum etwa nur die halbe
Schiffsbreite einnimmt. Der Zugang zu
diesen als Herrschafts-Sitze eingerich-
teten, getrennten »Borkirchen« ist von
den erwähnten Treppenthürmchen aus mittelst steinerner Wendelstiege. Konstruktion und
Formgebung dieser Einbauten ist aus unseren Abbildungen (Fig. 104 und 105) ersicht-
lich. Von eigenthümlicher Wirkung ist die steinerne Balustre mit ihrem bretzelartigen
Masswerk, während die feine Profilirung der Rundbogen und der Säulenglieder (vergl.
Fig. 105) hohes künstlerisches Formgefühl bekunden. Die hohen oberen Ecksäulen
dienen den Unterzügen der Holzdecke zur Stütze.

Der Fussboden oben ruht auf den unteren flachen Kreuzgewölben, deren eines das
Rüdt'sehe Wappen am Schlussstein in Relief zeigt, während im anstossenden Felde
an derselben Stelle ein in roth und weiss rechts dreimal geschrägter Wappenschild
(neuerdings?) gemalt erscheint. Wolff Albrecht von Rüdt (1597 bis 1644), unter
dessen Herrschaft, unserer Auffassung nach, diese Einbauten entstanden sind, war damals

Fig. J02. Portal am Sindolslieimer Kirchthurm.
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