Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Directionswechlel im F. F. öftcrr. Museum für Aunst und Industrie.

derselbe unser Aunstgewerbe in moderne, selbstständige
Bahnen zu lenken beabsichtigt. Me er bereits als
Leiter des kfandelsmuseums es sich angelegen sein
ließ, die Aunstgewerbetreibenden und das Publikum
Mens mit den Erzeugnissen der modernen englischen
Aunstindustrie bekannt zu machen, so wird er auch,
nun er in weit höherem Grade berufen ist, aus
die Entwicklung des heimischen Aunstgewerbes tief-
greifenden Einfluß zu nehmen
— wenn er auch allerorten
die überall aufkeimenden
Triebe zu einer Modernge-
staltung des Runstgewerbes
mit gespannter Aufmerksam-
keit beobachten und ihren
vorbildlichen Werth studieren
wird —, das heimischeAunst-
gewerbe fraglos in erster
Linie durch den neu-eng-
lischen Stil zu befruchten
streben, der ja, da sich in-
folge der isolirten Lage und
der hiedurch besonders stark
ausgeprägten Eigenart Eng-
lands, hier der Aunstgeist der
Nation, unter allen Nationen
Europas, auch während der
sonst so sterilen ersten chälfte
unseres Jahrhunderts am
unabhängigsten und in un-
unterbrochenem Zusammen-
hange mit den voraufgegan-
genenAunstperioden entwickelt
hat, am ersten berufen er-
scheint, vorbildlichen Werth
für sich in Anspruch nehmen
zu dürfen für eine Modern-
gestaltung der Aunstindustrie
des übrigen Europa. —

Gewiß geht hierbei der
neue Leiter unseres Aunst-
gewerbemuseums, trotz mancher gegentheiligen An-
sicht, von den: einzig richtigen Standpunkte aus,
daß eine Aunst, deren selbstständige Entwicklung ein-
mal gehemmt worden, nur durch den engen An-
schluß an eine andere, selbstständig gebliebene, und
nicht etwa durch läppische Stil-„Erfindungs"-Spie-
lereien zu eigener selbstschöpferischer Blüthe gelangen
könne. Die Aunstgeschichte beweist in jeder ihrer
Phasen, daß plötzliche, radikale Stilwandlungen — also
solche, die sich nicht aus den: fortschreitenden Ent-
wicklungsgänge der Aunst allmälig von selbst er-
gaben — stets auf bewußter Nachahmung fremder

Aunstweisen basirten; daß die anfängliche Einfluß-
nahme einer frenrden Aunstweise die nachherige An-
passung an das eigene Aunstempfinden — (ein
wirklicher Stil muß stets national fein!) — nicht
verhindere, das bestätigt beispielsweise die Geschichte
der deutschen Gothik, der französischen, deutschen,
spanischen rc. Renaissance, des deutschen Barock,
des deutschen Rococo, u. s. f.; alle diese so ausge-
sprochen nationalen Stilarten
fußten ursprünglich auf der
Nachahmung fremder Aunst-
weisen! Aus diesen Beispielen
dürfte zur Genüge erhellen,
daß eine Befruchtung unseres
heimischen Aunstgewerbes
durch den modern-englischen
Stil — weit entfernt dasselbe
zu entnationalisiren, vielmehr
zu der Hoffnung berechtigt,
daß sie ihm zu selbstständiger,
charakteristischer Weiterent-
wicklung verhelfen werde.

Der den diesbezüglichen
Bestrebungen der neuen
Leitung des österreichischen
Museums gegenüber von
mancher oberflächlich ur-
theilenden Seite etwa zu ge-
wärtigende Einwurf, daß die
Aussichten einer derartigen
Beeinflussung unseres Aunst-
gewerbes durch das modern-
englische nur äußerst geringe
seien, da ja auch die bisher
gepflogene Nachahmung der
alten Stile zu keiner eigenen,
neuen Stilentfaltung geführt
hätte, läßt sich leicht ent-
kräften : es ist denn doch
etwas ganz anderes, ob
man für die allmälige
Herausbildung eines modernen Stils auf alte,
den Anforderungen des modernen Lebens, wie des
modernen Aunstempfindens in vielen Fällen nicht

entsprechende Aunstweisen zurückgreift, oder ob man,
wie an die modern-englische, an eine gleichzeitige
Aunstübung anknüpft, die den Ansprüchen ihrer
Zeit vollauf gerecht wird I

Bon Seiten unseres heimischen Aunstgewerbes
selbst wird den Bestrebungen Scala's kaum ein
Hinderniß im Wege stehen: unser Aunstgewerbe hat

eine solch erfreuliche Fülle vielverheißender, wenn

auch oft noch kaum bemerkbar in ihm schlummernder



9n. (Dfett. Entwurf von Architekt Th. Fischer,
Modelle von Bildhauer Groß, Ausführung von
I. F. p. Ei aus [eit er.

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