Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Ehronik des Bayer. Kunstgewerbevereins.

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LlKgemeine (Veremsnachrichten.

Am n. Mai d. 3s. starb in der Blüthe der Jahre
Kommerzienrath, kjofbäckermeister

Anton Seidl,

langjähriges Ausschußmitglied des bayerischen Kunst-
gewerbevereins.

Anton Seidl gehörte zu den seltenen Naturen, die
auch bei umfassendster geschäftlicher Thätigkeit doch den
Blick von den Idealen des Lebens nicht abwenden, —
zu jenen Männern, denen die Kunst nicht ein Luxus,
sondern ein Lebensbedürfniß ist, und die darum
zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit bestrebt sind,
Alles was geschieht, künstlerisch zu veredeln Bei all
seiner geschäftlich hervorragenden Tüchtigkeit war
Anton Seidl im Grund seiner Seele ein durchaus
künstlerisch empfindender Mensch, so recht angelegt,
künstlerische und geschäftliche Anschauungen einander
näher zu bringen und zu versöhnen, — eines jener Vor-
bilder, denen wir heute mehr denn je bedürfen, um
dem rastlosen Jagen nach Erwerb durch die Pflege
idealen Sinnes die wage zu halten.

Möge sein Beispiel zahlreiche Nachfolger finden I
Der Lorbeer, den der Vereinsvorstand am Grabe
niederlegte, war wohlverdient.

Erfolge unserer Abbildungen. Laut Mittheilungen aus
der Ausstellungshalle laufen dort fortwährend Bestellungen auf
Gegenstände ein, welche in unserer Zeitschrift veröffentlicht
worden sind; dies veranlaßt uns, die praktisch thätigen Künst-
ler und Kunsthandwerker zu bitten, von ihren bessern Arbeiten
baldthunlichst photographische Abbildungen bei der Redaktion
einzureichen oder die Herstellung solcher zu veranlassen. Zwischen
der Fertigstellung eines Gegenstandes und dessen Ablieferung
sollten doch immer einige Stunden zur Vornahme einer photo-
graphischen Aufnahme erübrigt werden können.

Eine Vereinsexkurfion fand am 26. April Nachmittags
2 Uhr statt; sie galt der Besichtigung des 3 m hohen Thon-
modells der Siegesgöttin, welche das Münchener Friedensdenkmal
bekrönen wird. Die von den Bildhauern Düll, Pezold und
Heilmaier modellirte Figur wird in der kgl. Erzgießerei gegossen.

Das vereinsleben in den Sommermonaten wird sich theils
auf Exkursionen, theils auf Keller-Zusammenkünfte, theils auf
Bibliotheksbesuche beschränken. Die Exkursionen, deren all-
monatlich eine stattfinden soll, werden jeweils durch Inserat in
den „M.N.N." und durch Anschlag an einem der Schaufenster
der Verkaufshalle des Vereins bekannt gemacht. Die Wochen-
zusammenkünfte finden, sobald wärmere Witterung eingetreten
sein wird, jeden Dienstag Abend aus dem „Spatenkeller" statt.
Die Bibliothek wird, wie bisher, stets an drei Wochentagen
— Dienstag, Mittwoch, Freitag — von 5—7 Uhr geöffnet sein.

Mochenversammkrmgen.

vierzehnte Wochenversammlung — am ;. März. Nach
der durch den Fastnachtdienstag herbeigeführten längeren Pause
versammelte sich der Verein an diesem Tage zu einem Fach'
abend der Bildhauer, zu welchem die Bildhauer Prof, wadere,
Prof. Denn erlein, Albertshoser, E. Pfeifer, weiß'
müller, B e y r e r, F l o ß m a n n eine große Reihe von
Modellen und Photographien geschickt hatten. Prof. v. Thiersch
eröffnete die Versammlung, indem er Bildhauer Enderle das
Wort ertheilte zur Erläuterung der Punktirmethoden, wozu
derselbe mehrere Modelle hergestellt hatte, welche diese ziemlich
umständliche Prozedur veranschaulichten, Hierauf führte E.
Pfeifer eine von seinem Bruder konstruirte Maschine vor,
welche es ermöglicht, auf mechanischem Wege nach vollrunden
Plastiken nach Bedürfniß höhere oder niedere Reliefs her-
zustellen; wir werden später Gelegenheit nehmen, unsere Leser
sowohl mit der Maschine wie mit dem Verfahren näher bekannt
zu machen. Weiterhin berichtete Bildhauer Lasser über die
Gießmethoden, besonders bei kleineren kunstgewerblichen Gegen-
ständen; daran schloß sich eine längere Debatte, an der sich
Bildh. Wilhelm und Prof. v. Miller betheiligten. Aus den
Mittheilungen des letztem geht hervor, daß man erst feit ;83S
die Stückformerei angewandt hat, während man vorher auch
bei ganz großen Arbeiten das Wachsausschmelzverfahren an-
wandte; in neuerer Zeit hat man letztere vervollkommnet und
namentlich durch gleichmäßiges Ausglühen der Form eine
größere Sicherheit im Guß erzielt.

Fünfzehnte wochenverfammlung — am 8. März. Vor-
trag von Vr. Phil, Halm: T o d t en ta n z-D a r st e ll u n gen
in alter und neuer Zeit. Die Idee, den Tod bildlich dar-
zustellen, wurzelt tief im Alterthum; damals wurde der Tod
bald als eine männliche Leiche, bald als ein geflügelter Genius
mit umgekehrter Fackel, bald als ein geflügeltes Weib dargestellt,
lauter Auffassungen, die auch in die christliche Kunst über-
gegangen sind; als Skelett wurde der Tod erst vom späten
Mittelalter an gebildet. Den Anstoß zu den sog. Todtentänzen
gaben wohl die Seuchen und andere Heimsuchungen; man stand
unter dem Eindruck der Allmacht des Todes und suchte dies
bildlich zu veranschaulichen. Der Todtentanz war ursprünglich
ein Schauspiel, und mit dem Schauspiel war damals Tanz un-
trennbar verbunden. Um eine als Tod verkleidete Person grup-
pirten sich die Vertreter verschiedener Lebensalter und Stände;
der Tod ging auf die einzelnen Menschen zu, spielte dabei irgend
ein Instrument und entführte nach kurzem Dialoge jeden Ein-
zelnen in einer Art schreitenden Tanzes; zuerst waren es
2<t Personen (später mehr, in einzelnen Beispielen und 65),
vom Papste anfangend bis herab zum Bettler. Die Auf-
führungen fanden in und bei den Kirchen statt, weshalb Todten-
tänze vielfach an Bauten kirchlicher Bestimmung zu finden sind.
Als Vorläufer solcher Todtentänze kann man Darstellungen auf
antik-römischen Arbeiten und im Lsmpo santo zu Pisa ansehen;
eigentliche Todtentänze kennt die italienische Kirche nicht. Zu
den bedeutendsten Todtentänzen gehören die beiden zu Basel;
der Tod ist hier mehr mumifizirt denn als Skelett gedacht.
Hier sucht er die von ihm Begehrten noch schmeichelnd zu einem

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