Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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dljronif des Bayer. Kunstgewcrbevereins.

442 u. 442. Gemalte Fensterbekrönungen von B. Wenig.

Tanz aufzufordern, während er in dein Todtentanz zu Bern
(von Manuel Deutsch, jsoo— j55o) an seinem Opfer schon
Gewalt anwendet. Au einem geschlossenen Reigen verwandelt
sich das ganze Motiv bei dem Lübecker Todtentanz, wo Todte
und Lebende in der Reihe mit einander abwechselu und die
ersteren nach der Pfeife des vorsxieleuden Skeletts tanzen.
Weitere Todtentänze befinden sich in der Berliner Marienkirche,
in Matnitz, Wismar, Krakau, Dresden. Des populär gewor-
denen Gegenstandes bemächtigten sich bald der Holzschnitt und
die Buchdruckerkunst; es erschienen Todtentänze schon früh in
München (;45A) und Basel (t485). Berühmt geworden ist
Holbein's Todtentanz, dessen 40 Blätter zuletzt Ct538) in Lyon
erschienen; der Meister hält sich dabei an die mittelalterliche
Anordnung, aber er vertieft deren Gedanken. Don wesentlichem
Einfluß daraus waren die Todtengespräche von Lucian und die
treibenden Kräfte der Reformation. Auch auf dem Entwurf
zu einer Dolchscheide und in einem Alphabeth hat Holbein Todten-
tänze gebracht. Auf den Holbein'schen Kompositionen fußen
Zum Theil die Todtentänze im Predigerkloster zu Konstanz, im
bischöflichen Palast zu Thur, in der St. Annakaxelle zu St. Mang
in Füssen; auch im Jahrhundert wirken Holbein's Todten-
tänze noch nach, z. B. der in Kupfer gestochene von Rudolf
und Konrad Mayer (Zürich, ;ssc>). Das ;s. Jahrhundert
bietet wenig Interessantes in Todtentänzen; erst das \<). Jahr-
hundert hat wieder ganz neue Gedanken und Kompositions-
Weisen in's Leben gerufen, vor allem Rethel's Meisterwerk
»Auch ein Todtentanz", in welchem er den Tod in seiner ge-
heimen Thätigkeit, im Gähren einer Revolution, als sinnbethö-
renden Volksbeglücker vorführt — Alles in Allem packende,
markige Kompositionen, ein Spiegelbild speziell des Dresdener
Maiaufstandes im Jahre ;848, eine markerschütternde Predigt,
nicht dem Scheine zu trauen, von Münchener Todtentanz-
bildern aus dieser Zeit seien jene des Grafen Pocci und Lugen
Neureuther's genannt, denen später noch die des vor wenigen
Jahren dahingeschiedenen Ferdin. Barth folgten. Ans neuester
Zeit gehören hierher Spangenberg's »Zug des Todes", auch
Hennebcrg's »Jagd nach dem Glück", sowie einzelne Werke
von Felician Rops, Legros und Darre, als bedeutendste aber
die Todtentanzbilder von Max Klinger und Joseph Sattler, in
denen fast durchaus neue Gedanken zur Verbildlichung der

alten Grundidee herbeigezogen worden. Sattler schildert, ähnlich
wie Rethel, den Tod als Massenmörder (vgl. das im letzten
Heft auf S. 225 abgedruckte Vollbild aus Boos-Sattler's Ge-
schichte der rheinischen Städtekultur); aber es ist kein Spiel
mit dem Grauenhaften, sondern ein packendes Memento mori,
das in dem Schlußbild — Krönung des gekreuzigten Heilands
durch den Tod — versöhnend ausklingt. — Der sehr inter-
essante und mit ungetheiltem Beifall aufgenommene Vortrag
war begleitet von einer größeren Anzahl Abbildungen theils
aus dem Besitz des Vortragenden, theils aus dein der k. Kunst-
gewerbeschule, der Kunsthandlung Lithaucr und des Herrn
Professors Rud. Seitz. — Der gemüthliche Theil des Abends
wurde gewürzt durch herrliche Gesangsvorträge des Ouartetts
der Herren Rnd. Fischer, Julius Mörl, I. B. Haag und
Franz Mühlbauer.

Siebzehnte Wochenversammlung, am 22. März. Nach
den Stürmen vor und während der Generalversammlung, die
am ;5. März als sechzehnte Wochenversammlung abgehalten
und über die bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet
worden ist, hatten sich allmählich die Wogen des Vereinslebens
wieder geglättet, als Prof. v. Thierfch als Vorsitzender am
darauffolgenden Vereinsabend die Konstituirung des Ausschusses
und der Kommissionen bekannt machte. Die Kosten der Unter-
haltung des Abends hatten mehrere Architekten in aller Eile
auf sich genommen, nachdem der angesetzte Vortrag wegen
plötzlicher Erkrankung des Redners in letzter Stunde hatte ab-
gesetzt werden müssen. Ueber die reiche Ausstellung von Skizzen,
Entwürfen, Aquarellen, Photographien, Werke Th. Fisch er's,
Paul Pfann's, Eman. Seidl's, berichtete in Kürze Architekt
Bertsch; manche von den hier vorgeführten Arbeiten ist bereits
für die Veröffentlichung in der Vereinszeitschrift vorgesehen.
Weiterhin besprach Prof. v. Thiersch die nach Schularbeiten der
techn. Hochschule gefertigten, für eine spätere Veröffentlichung
vorbereiteten Lichtdrucke und seine zahlreichen eigenen auf den
Justizpalast bezüglichen Blätter, worunter mehrere große per-
spektivische Aquarellstudien zu den Hanpträumen und zahlreiche
photographische Aufnahmen, die z. Th. durch ein neues Ver-
fahren gewonnen wurden. Ueber dieses selbst berichtete sodann

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