Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Nationalmuseum, München. Gesammtansicht. Architekt Gabr. v. Seidl.

(Bae neue bäuerische (National
museum. (Don Or. S. D?. Kredk.

„Als Luxus darf die Kunst nicht be-
betrachtct werden, in Allem drücke sie sich
aus, sie gehe über in's Leben, nur dann
ist sie, was sie sein soll."

König Ludwig I.

!a sah ich jüngst vor dein neuen
Nationalmuseum an der Prinz-
regentenstraße einen behäbigen,
älteren perrn. Massiv und ruhig
stand er da, nur sein Ropf be-
wegte sich, fast unmerklich, hin
und her. Man sah es ihm an, er wußte nicht,
in welche Rategorie von Gebäuden er diesen weithin
sich erstreckenden Bau thun sollte. Zch hörte nur
Hill und wieder ihn vor sich hin fragen: „Palais?"

- „Schloß?" — „Rloster?" — Aber er schien sich
llicht darüber klar werden zu können und so trollte
er weiter, der Biermusik nach, die inan von fernher
hörte. Das äußere Bild eines Bierkellers, das war
ihm ein vertrauterer architektonischer „Tanon".

Dann kan: ein Andrer. Ls war ein Tourist,
lilit dem offnen Reisehandbuch vor den Augen. Er
ging direkt auf das Portal zu, stellte sich gewichtig
davor hin und las etwa folgendes: „Das neue

Gebäude des bayerischen Nationaliiiuseums, vorzugs-
weise im Renaissancestil gehalten, wurde voii Pro-
fessor Gabriel Seidl in München erbaut. Der gaiize
Baukomplex umfaßt mehr als fsi,000 qm. Am
November wurde der Grundstein vom

Prinzregenten gelegt. wurde der Bau vollendet.

Eröffnung des Museums Ende September isiOO."

Als er das gelesen, ging er anscheinend hoch-
befriedigt, seiner Touristen-Pflicht genügt zu haben,
weiter, auf die Siegessäule zu.

Wir wissen in welche große „Rategorie" des
denkenden Menschengeschlechtes diese beiden genüg-
samen Leutchen gehören. Aber sie sind und bleiben
doch Rinder ihrer — unserer — Zeit. Nur
etwas Zurückgebliebene. Wenn wir es doch bemerken
wollten, sie geißeln, ohne es zu wissen, unsere Zeit
und insbesondere gewisse Zustände unseres künstle-
rischen Lebens. Der erste der Beiden ist gewiß nicht
der dümmste von jener Sorte. Gewiß denkt auch
er nichts, er begnügt sich mit einer Reihe unklarer
Vorstellungen, die alle längst von anderen gebildet
wurden, und wie sein Gang schwerfällig, so humpelt
er auch seiner Zeit um ein gut Stück nach. So hat
er nur die unbewußte Vorstellung, daß jedes Ge-
bäude durch sein Aeußeres einigermaßen seinen Zweck
verrathen müsse. — Der westliche Bau mit seinen
Arkaden, seinein reizenden Brunnen, nach dem eng-
lischen Garten zu, der großen Terrasse des ersten
Stockwerks dahinter, das hat ihn alles ganz mit
Recht an ein Palais denken lassen. — Der niedrige
Gartenhausbau mit der Rieselstein-und Muschelmosaik-
Verkleidung, den Nischen, den Büsten und Vasen
hat ihn noch mehr in seiner Ansicht bestärken können.

Der eigentliche, vielgestaltige Museumsbau aber,
hat entschieden Aehnlichkeit mit einem Schloß oder
einem erweiterten, reichen Rloster aus späterer Zeit.

Doch ich glaube, so weit wird er sich gar nicht
Rechenschaft über Zweck und Ausnützung des

— t

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