Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

Page: 257
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Augusts varnefi.

3cft möchte daher den Mrganisationsplan Bredts
dahin umgestalten, daß die Wände der Räume aus-
schließlich den Künstlern ohne Entgelt überlassen
werden, wobei eine 3ury für Künstler von Ruf weg-
sällt. Der Znnenraum der Zimnrer wird dagegen
an Kunstgewerbetreibende für längere oder kürzere
Zeit verpachtet.

pierbei möchte ich noch aus eine Gefahr Hin-
weisen, welche die kunstvollen Ausstellungen von
Bildern für das Publikum haben. Bilder wirken
häufig durch die Art ihrer Vorführung und durch
die umgebende Stimmung. Kunstvoll aufdrapiert,
kann ein Bild einen guten Effekt erzielen, während
es in der gewöhnlichen Bürgerstube an die Wand
genagelt, unbefriedigend wirkt. Es dürfte daher
nicht iin Interesse des Publikums liegen, wenn eine
zu raffinierte Ausstellung der einzelnen Werke statt-
findet.

Die Maler sollten, mehr als es bisher geschehen
ist, sich vergegenwärtigen, daß sie Bilder nicht des
Bildes wegen, sondern zum Schmuck der bürgerlichen
Wohnung Herstellen sollen. Wie einst die Aus-
schmückung von Kirchen und Palästen der Kunst
die Aufgabe stellte, so ist die heutige Aufgabe die
Ausschmückung der bürgerlichen Wohnung. Das
Publikum hat daher ein großes Zntereffe daran,
zu sehen, wie ein Bild an der Wand des Wohn-
oder Eßzimmers, wie es über dem Sopha oder dem
Schrank wirkt.

Unter diefein Gesichtspunkte dürfte es sich em
pfehlen, eine Reihe von Zimmern mit Möbeln zu
dekorieren und die Bilder passend an die Wände zu
verteilen. Die modernen Kunstgewerbler machen bei
Entwürfen von ganzen Zimmern die Sache insofern
einfach, indem sie kunstvolle Tapeten, Stoffe oder-
sonstige Flächenornamente zur Dekoration verwenden,
in seltenen Fällen Stiche oder Kopien.

Es wäre eine dankbare Aufgabe, wenn die Ge-
mälde stärkere Berücksichtigung fänden und wieder jene
Fülle von Verwendungsarten erlangten, welche die
Renaissance und Barockzeit gehabt hat. Die Fresko
Malerei, die Gobelins/die in Plafonds und Täfelungen
eingelassenen Bilder müssen wieder Mode werden,
um dein Kunstnraler volle Geltung zu verschaffen.
Pier kann eine Ausstellung reformatorisch wirken.

Berlin, 20. Mai sßOs.

424. Villa Christiansen („Sn Rosen"); Architekt S. M. Glbrich.

(AuHusko (Varnesi.

ast wie der Entwickelungsgang eines
Meisters des Tinquecento mutet uns
derjenige des Künstlers an, aus dessen

Werken wir eine Auslese vorführen

können: des Professors an der großherzoglich

technischen pochschnle zu Darmstadt, Bildhauers

Augusto Varnefi. Wie jene Zeit Leos X.
aus der Werkstatt der Silberschmiede die Meister
der plastischen Kunst hervorgehen sah, so waren es
auch hier Ziselierhammer uitd Punzen, mit denen
Varnefi als fünfzehnjähriger Jüngling zuerst vertraut
geinacht wurde, um dann, in treuem Anschluß an
einen verehrten Meister und mit ihm von Land zu
Lande ziehend, sich allmählich zur Meisterschaft
emporzuringen. Es war ein junger, deutscher

Meister, durch sein Schicksal in eine römische Werkstatt
verschlagen, bei dem der junge Römer in die Lehre
trat: Wilhelm Widemann. Und wie dieser seinen
Genius nährte und stärkte an den Werken der großen
Meister der Pochrenaissance, daß sie noch heute
seine Schöpfungen mit ihrer titanischen Kraft beherrschen,

425. Zierleiste von p. Büre!; aus der Weinkarte der Darmstädter Ausstellung.

Kunst und Handwerk. 5J. Iahrg. Heft 9. — 257 —
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