Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Architektonische Zeitbetrachtungen.

428. Plakette von A. varnesi, Frankfurt a. M.

widmete er zwei Lösungen, die eine in Verbindung
mit dem Architekten p. pfann in München, die
andere mit Prof. Manchot von: Städelschen Institut
in Frankfurt. Beide Lösungen hatten das Glück,
durch Preise ausgezeichnet zu werden, wenn auch
über die Ausführung in anderer Weise entschieden
wurde.

Daß Varnesi ein Zeichner von seltener Eleganz
ist, haben dem Leserkreis dieses Blattes früher ver-
öffentlichte Entwürfe gezeigt; eine Durchsicht seiner
Mappen verrät uns, daß noch manche gute Ge-
danken der Ausführung harren. Von den auf rein
ornamentalem Gebiet liegenden Arbeiten des Meisters
fei eine große, allegorisch ausgestattete Sonnenuhr
erwähnt, welche an dem Gebäude der technischen
pochschule in Darmstadt in Mosaik zur Ausführung
gekommen ist. L.

Architektonische Jeitr
Ketrachtungen.

Sin (Umkkick an -er ^ahrßun-ertwen-e.

o nennt permann Muthesius seine
Festrede bei dem letztjährigen Schinkel
feste des Architektenvereins zu Berlin?)
— Die Rede verrät durch Aufbau wie
Inhalt einen Architekten, der das Wesen
der künstlerischen, insbesondere der architektonischen
Schöpfung klar erkannt hat. Die überaus maßvolle
uud von vornehmem Geiste erfüllte Rede verdient die
weiteste Beachtung. Möchte sie nicht nur von
Architekten und Kunstgewerblern, sondern von allen
Künstlern, allen Kunstfreunden — und last not least
allen Kunstkritikern gelesen werden! Diese volle Be-
achtung verdient sie um so mehr, als Muthesius
keine neue künstlerische Doktrin aufstellt, war ja
doch an Doktrinen das abgelaufene Jahrhundert reich
und krank genug.

And doch will der Verfasser nichts Geringes!
Er beklagt es, daß die gegenwärtige Erziehung des
Architekten zu eiuseitig wissenschaftlich sei. Der
Architekt sei zum halben Ingenieur, dafür auch zum
halben Künstler geworden. „Wir haben übersehen,
daß die Architektur nicht nur eine Kunst ist wie
die anderen Künste, sondern daß sie eine höchst
umfassende Kunst, eine Kunst der Künste, die Mutter
aller Künste ist."

Klar und präzis entwirft Muthesius ein charak-
teristisches Bild der Architekturgeschichte des fZ. Jahr-
hunderts.

„winkelmann, der Vater der Archäologie, wurde
der eigentliche Vater der nun beginnenden Kunst, kein
Künstler, sondern ein Schriftsteller, kein schöpferisch,
sondern ein kritisch arbeitender Geist, kein Pfadfinder,
sondern ein rückwärts fchauender Idealist." So stand
denn auch bald die Baukunst „auf der pöhe des
wissenschaftlichen Denkens, die Mathematik war die
Erklärerin der Ästhetik geworden." Das Wort
„Stil", das nun eine so große und unglückliche
Rolle spielen sollte, ging aus dem Gegensatz der
klassischen zur romantischen Baukunst hervor. „Früher
hatte man keinen Stil, sondern nur einen gerade
herrschenden Geschmack, man bewegte sich in ihm
mit voller Sicherheit und ohne den geringsten Zweifel
an seiner Richtigkeit." Wenn man es doch immer
so gehalten hätte. — Aber da ging die unglückselige
Stiljagd los, die sogar zur „Stilreinigung" alter
ehrwürdiger Denkmäler sich verirrte.

i) Separatausgabe bei W. Ernst Sohn, Berlin *900.

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