Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Augnsto Dcmtefi.

Frankfurt, das er neben feinem Darmstädter Lehr-
stuhl beibehielt, sind in den letzten fahren zahlreiche
Merke der Kleinplastik in Metall entstanden, von
denen unsere Abbildungen eine Auswahl vorführen.
Das bedeutendste derselben ist wohl das Altar-Taber-
nakel, das er in Verbindung mit dein Architekten
A. Lüthi für den Doni von Fulda ausführte. Wie
die Gesamtansicht (Abb. ^26) zeigt, lebt in der
Konzeption und den Einzelformen desselben ganz
der Geist des römischen Barocko, modifiziert durch
Anklänge an die Detailformen des prachtvollen
Kirchenbaus, den es zu schmücken bestimmt ist. Die
feierlich-reiche Wirkung des von einer Kuppel über
ragten Säulenbaus mit dem durch zwei leuchter-
tragende Engel verbreiterten Untersatz wird durch
die Wahl des Materials wesentlich gesteigert: gold-
farbige Bronze, die sich von dem zu den glatten
Architekturteilen verwendeten dunkelgrünen Serpentin
überaus wirksam abhebt, während die vier Säulen
aus rosso antico eine lebhaftere Note in die Farben-
wirkung bringen. Die Nische des Unterbaus wird
durch zwei in Bronze gegossene Thürflügel geschlossen,
von welchen der linke eine pieta, der rechte die
Auferstehung in Flachrelief darstellt. Von besonderer
Schönheit sind die hierneben besonders dargestellten
Engelkonsolen, bei denen die schwierige Aufgabe,
die Lichtkörper an die Seitenfront des Tabernakels
zu verlegen, meisterhaft gelöst ist.

Von einer anderen größeren Aufgabe, einer
Dokumenten-Kassette zum Jubiläum einer chemischen
Fabrik, sind hier nur zwei ovale, in Silber gegossene
Medaillons mitgeteilt, die besonders charakteristisch
für Varnesis Art und seine Wiedergabe weiblicher
Anmut sind, ^hre Bedeutung, die Darstellung der
Chemie und der Spektral-Analyse, sind in Stellung
und Attributen aufs glücklichste zum Ausdruck ge-
bracht ff. S. 262.)

Eine besonders ausgiebige Seite seines Talentes
sollte Varnesi jedoch in der s)orträt-st)lakette entwickeln.
Ebenso unabhängig von den großen französischen
Vorbildern wie von dem Banne des italienischen
Cinquecento, in welchem ihn bei früheren Schöpfungen
die Widemannsche Schule gehalten hatte, bekennt
er sich hier zu einem Naturalismus, der mit wohl-
thuender Frische in die persönliche Eigenart des
(Originals einzudringen und sie im Relief zu fixieren
weiß; kein Wunder, daß feine Plaketten alle sprechend
ähnlich sind. So vortrefflich gerade nach dieser
Richtung das alte Ehepaar, welches für den Tag
feiner goldenen Hochzeit ein Denkmal stiften wollte,
und der hirschgerechte Waidmann sind — den Preis
möchten wir doch dem Damenporträt geben, das
in wahrhaft einziger Art Erscheinung und Tharakter

^27. Lckpartie au dem Altar, Abb. q.26; (nach dem Modell),
von A. varnesi, Frankfurt a. M.

der Dargestellten wiedergibt. Dies Porträt (Abb. ^28)
mag auch als Beispiel dienen, wie zart und geschmack-
voll der Künstler das rahmende Beiwerk feiner
Bildnisplatten zu behandeln weiß - - hierin ganz ein
Schüler feiner Landsleute aus den: ^5. Jahrhundert.

Einen ersten, bedeutenden Schritt in die Groß-
plastik that Varnesi mit der Konkurrenz für das
„Einheitsdenkmal" in Frankfurt. Dieser, in ihrem
Programm nicht besonders glücklichen Aufgabe

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