Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Die Ausstellung der Darmstädter Rünstlerkolonie f90f.

war doch wohl inehr als fremder technischer oder
eigener künstlerischer Zwang.

Möchten doch alle in diesem Pause, in der eine
neue Kunst spontanen Ausdruck gefunden, die gleiche ^
Freude empfinden wie ich. Dem wollte ich Aus
druck geben, doch um dies ausführlich zu thun, auf
jede einzelne Wahrheit hinzuweisen war der Raum
zu knapp. Könnten doch schon die wenigen Bei-
spiele für das wahrheitssuchende Schaffen des
Künstlers den Genuß am Werke fördern.

Jedes echte Kunstwerk ist noch ausr echter per -
sönlicher Überzeugung hervorgegangen. Kam allein
deshalb Riemerschmid zu neuen Formen, so zeichnet
ihn dies als hervorragend geeigneten Pionier für
den neuen Weg aus. Doch nicht die Form ist im
Grunde das Kriterium für diese und jede künstlerische j
Leistung.

Derjenige ist kein wahrer Freund und Kenner
der Kunst, der ein Kunstwerk allein nach den Formen
beurteilen wollte und etwa nur einen alten gotischen ;
Dom oder ein Rokokoschloß zu preisen vermöchte,
aber ein Künstlerhaus oder ein Nationalmuseum,
wie es Gabriel v. Seidl konzipiert und geschaffen,
nicht verstehen will, weil es in allen Formen redet.

^72. Alunchener Schauspielhaus — Rich. Riemerschmid. -
Brnstungsgitter im Zuschauerraum, ausgefiihrt von
Fr. th u m m e l.

So wird man aber auch nur denjenigen als )
Kunstfreund schätzen, der in Riemerschmids Schau-
spielhaus nicht nur das geistvoll nüchterne Dokument
einer neuen künstlerischen Sprache vor sich ausgebreitet
sieht, sondern der es hoch zu bewerten weiß, als ein
immer gültiges Kunstwerk, obwohl ihm zunächst -
manches der Form nach fremd, im Geiste zu nüchtern
fein mag.

Nürnberg, Mitte Juli fstOf.

Dr. <£. w. Bredt.

(Die AubsieKunH der (Darmskadter
Aünskkerßokome 1901.

von Dans Dietrich veipbeimer, Stuttgart.

(Schluß.)

he wir nun die Ausstellung als
Ganzes betrachten, muß noch
von den soeben genannten Aus-
stellungsbauten gesprochen wer-
den. — Der „Pavillon der Blu
men" zeigt einfache, geschmack
volle Arrangements- und Farbenzusammenstellungen
in verschiedenen nischenartigen Abteilen in reicher
Fülle, wie überhaupt das Ausstellungsterrain, land-
schaftlich an sich schon herrlich gelegen, durch außer-
ordentlich reichen Blumen- und Pflanzenschmuck be-
sonders reizvoll und harmonisch gestaltet erscheint.
Die Großherzogliche pofgärtnerei stellte z. B. den
gesamten Bestand ihrer Orangerie zur Verfügung,
und mit ihr wetteifern die übrigen Gärtner Darmstadts.

Im „Spielhaus" ist init Umgehung alles de-
korativen Beiwerkes ein einheitlich stimmungsvoller
Raum geschaffen, der ganz mit lila Stoff ausge-
schlagen, durch ein eigenartiges Beleuchtungsprinzip
den Zuschauer förmlich zur Konzentration seiner
Gedanken auf das Spiel zwingt. Es sollte ursprüng-
lich die Resormideen, mit denen zuerst Peter Behrens
hervortrat, verwirklichen helfen, und die Alteren unter
den Sieben wollten der Reihe nach die Leitung über-
nehmen. Olbrich hat angefangen, und leider kein
Glück gehabt, so bekommt man nur gelegentlich ein
Konzert im Spielhaus zu hören. Wer da aber
weiß, wie Viele solche Räume gewöhnlich besuchen,
nicht um zu hören und zu sehen, sondern um ge-
sehen zu werden, der empfindet es wohlthuend, ein-
mal in einer Gemeinde zu sitzen, die nur die Liebe
zur Kunst zusammengeführt hat, denn der an sich
schwach beleuchtete Saal wird während der Dar-
bietungen verdunkelt und nur der Spielende steht im
Licht. Würden derartige Einrichtungen sich da und
dort in Deutschland ins Leben rufen lassen, so könnten
vielleicht diese kleinen ernsten Gemeinden allmählich
Einfluß gewinnen, und uns nicht nur Neues, Schönes
und Vollkommeneres bieten, sondern auch erfolgreich
gegen manch alten unkünstlerischen Zopf, z. B. das
häßliche Klatschen zu Felde ziehen.

Das „Gebäude der Flächenkunst" wurde errichtet
um Raum zu schaffen für solche Werke, die als
Wertmesser für die Leistungen der Kolonie nach
Darmstadt erbeten wurden. Zuerst war die hübsche
Idee geplant, daß jeder von den Sieben einen

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