Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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£fjrcmiF des Bayer. Kunstgewerbevereins.

an den Wänden, wie sie dieser Raum zeigt, kehrte
auch in dem Zimmerchen Niederhofer's (Abb. ssiy)
mit den glatten, grau gebeizten Möbeln wieder,
während Olbrich in dem von verschiedenen Wiener-
Meistern ausgeführten Gemach (Abb. 200) dem
Ornament (an der geschnitzten Vertäfelung und an
den Metallauflagen der Möbel) wieder mehr Recht
eingeräumt hatte, Zn die durch das dunkelgrün
gebeizte Mahagoniholz etwas düster gewordene
Stimmung des Ganzen brachten die geschliffenen
Glasscheiben der Schränke, die durchbrochenen und
getriebenen Messingbeschläge, die Bronzeschuhe und
Stickereien der Sitzinöbel, die perlmutterrosetten an
den Thüren ziemliches Leben, das auch in den farbigen
Wandbezügen — hellfarbige Satin de chene mit

bunten Blumen-Applikationen — nicht in Zügel-
losigkeit ausartete. Die letzten beiden Bilder (20 j
und 202) geben Bruchstücke aus dem unter Leitung
der Prager Handelskammer von Prager Aunsthand-
werkern ausgeführten Gemach, das mit seiner aus
Hellem Fichtenholz gefertigten Wand- und Decken-
gliederung (Schnitzereien von A. Baumgartl u. Sohn)
und mit zahlreichen Einzelheiten Geschmack und
künstlerisches Geschick verriet; Proben von dem Besten
bietet der in Abb. 20 s dargestellte Bruchteil mit dem
wundervoll geschnitzten Pfeiler, dem schön getriebenen
und durchbrochenen Sopraporta-Mrnament aus Bronze-
blech und mit den ungemein stilvollen Stickereien der
Thürvorhänge in schwarz, rot und gold (bez. in schwarz,
weiß und gold) auf dunkelgrauem, grobem Leinen.

Mimik i>6 VllMiWn Aunflgewerveverkins.

Mocheitversaminkungen.

vierter Abend — den 27. November. — Vortrag von
Prof. Dir. B. Rieh l über „Run st denk male und Kunst-
geschichte in Bayern". Bayern bildet kuustgeschichtlich kein
Ganzes. Gbwohl das Gebirge im allgemeinen hemmend auf
die Ausbreitung der Kunst wirkt, ist dies bei den Alpen weniger
der Fall, denn italienische Einflüsse sind in der bayerischen Kunst
unverkennbar. Trotz der Einheit des Landes zeigen sich doch
beim Studium der Kunstwerke bestimmte Gruppierungen, und
zwar teils nach Stämmen, teils hauptsächlich aber nach den
kirchenpolitischen Bezirken. Die Bischofsstadt war auch die
Metropole der Kunst und von ihr aus machen sich die künst-
lerischen Einflüsse im ganzen Sprengel bemerkbar. Dies läßt
sich am deutlichsten bei den Kirchenbauten verfolgen. An der
Wende des zehnten und zu Anfang des elften Jahrhunderts
herrschte in Bamberg und hauptsächlich in Regensburg ein
blühendes Kunstleben. Letztere Stadt schloß sich in der Kunst-
richtung Bamberg an, während Würzburg und Speier in der
Ausführung ihrer Dome einen wesentlich anderen Stil zeigen.
Mit dem \2. Jahrhundert steigerte sich das Kunstleben in Bayern
bedeutend, wie der kunstreich gebildete Dom in Freising, die
Kirchen zu Moosburg, Isen u. a. zeigen. Für die darauf im
;3. Jahrhundert vorgehenden Änderungen bietet die Jakobs,
kirche in Regensburg ein bezeichnendes Beispiel, wo sich fran-
zösische Einflüsse durch den Eisterzienserorden geltend machen;
hierher gehören auch der Dom zu Bamberg, St. Sebald und
St. Lorenz in Nürnberg, sowie die Grabplastik in den Bischofs-
städten. Das ;5. Jahrhundert, die reichste Zeit künstlerischen
Schaffens in Deutschland, brachte eine Reihe der schönsten und
reichsten Kunstwerke hervor; im zs. Jahrhundert beginnen die
Residenzstädte wie München, Landshut, Heidelberg, Bamberg,
Würzburg künstlerische Bestrebungen zu verfolgen. An Volks-
tümlichkeit gewann die Kunst im und ;8. Jahrhundert, ja
sie drang sogar bis in die Bauernhäuser vor. Professor Riehl
besprach noch die plastischen Arbeiten der vergangenen Jahr-
hunderte und erwähnte, daß die Plastik in keinem deutschen
Lande so reichhaltig vorhanden sei, wie in Bayern. Mit dem

Wunsche, daß die zahlreichen Kunstdenkmale Bayerns auch bald
einer gründlichen Forschung unterworfen werden, schloß der
Redner unter allseitigem Beifall. — Jur Erläuterung des ge-
sprochenen Wortes hatte der Vortragende zahlreiche Blätter aus
dem Besitz des Kgl. Kupferstichkabinets und der Kgl. Universität
zur Schau gebracht. — Des ferneren hatte therr Kaltwasser
aus Hamburg eine Sammlung hervorragender japanischer Silber-
arbeiten mit Email- und Perlmuttereinlagen ausgestellt.

Fünfter Abend — den <*. Dezember. — Vortrag von Prof,
vr. Vebbeke über Baumaterialien. Der Redner ging
von der Gesteinsbildung bei den Sedimentgesteinen aus, besprach
im einzelnen Entstehung und Wesen der Kalk-, Sand- und
Thonsteine, der Schiefer und verweilte des längeren bei den
für künstlerische Arbeit besonders in Betracht kommenden und
durch prächtige Proben vor Augen geführten Gesteinen, wobei
Lagerung, Fundort, Häufigkeit, verwendungsweise gleichmäßig
zu ihrem Recht kamen. Die zweite Hälfte des Vortrags betraf
die projektivische Vorführung verschiedener, zum Teil vorgeschicht-
licher Bauwerke — aus der Bretagne (Menhirs), vom Ararat,
aus dem Ural, aus Spanien u. s. w. —, wodurch namentlich
die Haltbarkeit und Verwendbarkeit der auch in größeren oder
kleineren Bruchstücken vorgezeigten Gesteine in's hellste Licht
gerückt wurde. ___

Programm der nächsten vereinsversammlungcn.

26. Febr. Prof. Pfann und Architekt Bertsch: Vorführung
von Tiroler Bildern.

5. März. Prof. vr. Hofer: Vortrag über Tierformen im
Kunstgewerbe.

(2. „ Dr. E. W. Bredt: Vortrag über die Darstellung

des Bösen in der Kunst.

26. „ Generalversammlung.

2. April. Fachabend für Druckerei-Lrzeugnisse.

;6. „ vr. Hauberrisser: Vortrag über die Photographie

in natürlichen Farben mit Projektion wirklicher
Farbenphotographien nach Lippmanns Verfahren.
22. „ Noch unbestimmt.

30. „ Schlußfeier mit Lehrlingsprämiierung.

verantw. Red.: jvrof. L. Gmelin. — tzerausgegeben vom Bayer. Nunstgewerbeverein. — Druck und Verlag von R. Dldenbourg, München.
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