Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Kunstgewerbliche Streifzüge auf der pariser Weltausstellung.

Position nicht unter
allen Umstünden allein
unser Schönheitsem-
pfinden erregt; noch
ein ästhetisches Ele-
ment, das durchaus
gesondert betrachtet
werden muß, komint
für eine gewisse Gruppe
künstlerischer Gebilde
hinzu: die struktive

Ausdrucksfähigkeit.

Struktiv ausdrucks-
fähig ist in höch
stem R7aße z. B. eilt
dorisches, jonisches
oder korinthisches Aa-
pitäl, in Verhältnis
mäßig sehr geringem
Grade aber ein by
zantisches Aapitäl.
Die Gründe dafür
mögeit ein ander-
mal näher behandelt
werden.'

AunfigeiverMche AtreifzüHe auf
der Pariser NektaueskeKunH. Sine
Machkefe. (Von L. Smekin.

(Fortsetzung.)

at der zuletzt besprochene Raunt
der Prager Handelskammer sich
noch ein Stück Renaissance in
die Gegenwart herübergerettet, so
bemühte sich die Prager Aunst
gewerbeschule in dem von ihr
allein ausgestalteten Raunt *) möglichst selbständig zu
sein, ohne aber deswegen auf Aitkläitge ait ältere Ar-
beiten zu verzichten, insoferne eben gleiche stilistische
Entstehungsbedingungen von selbst auch ähitliche
Ergebnisse liefern müssen. Ausgeprägt eigenartig
erscheint besonders der Altar; der Versuch, unter
Beiseitesetzung alles herkömmlichen Ausbaues etwas
Neues zu ntachen, ist um so kühner, als der Natur
des Gegenstandes gentäß das Verlassen gewohnter * I.

') Administrativ geleitet von dein Direktor der Schule:

I. Stibral; künstlerisch arbeiteten die einzelnen Fachlehrer mit
ihren Schülern durchaus nach eigenen Entwürfen im Einver- j
stäuduis mit den Kollegen.

205. (pariser Ausstellung.) vergoldeter
Altarleuchter, in L)olz geschnitzt in der
Prager A u nst g ew erb esch u le unter
Leitung von I. Aa stner. (Vs b. tu. ©r.)

Wege nirgends so verhängnisvoll werden kann als
auf kirchlichem Gebiet. Auch in: vorliegenden Fall
ist die Versöhnung von alt und neu nicht ganz ge-
lungen; der Thron der Aladonna ist zu sehr nur
Zimmermannsgerüst, um nicht in allzu schroffen
Gegensatz zu den Hauptfiguren zu treten. RIadonna
und Rind sind voit entzückender Anmut; mag auch
die Nkutter vielleicht zu sehr die Züge moderner
Stadtschönheiten tragen — aus Haltung und Gebärde
spricht zugleich Alutterstolz und -Besorgtheit um ihr
Rind, das zu ihren Füßen eben die ersten Gehversuche
machen will und das an Naivetät des Ausdruckes
kaum hinter Robbias Findelkindern in Florenz zurück-
steht. Der ganze Altar ist aus Holz geschnitzt,
und selbst die darauf stehenden originellen Leuchter
(s. Abb. 203) bestehen aus Holz. Farbe und Ver-
goldung sind am Aufbau, bunte Seiden- und Gold-
stickerei am Antependium in passender Weise zur
Steigerung des Eindrucks benutzt.

Auch im Bereich des Mobiliars hatte die Schule
fertige Arbeiten vorgeführt, die durchaus anerkennens-

206. (Pariser Ausstellung.) Altar, entworfen von I. Kästner,
in ksolz geschnitzt von demselben und seiner Fachklasse an der
Kunstgewerbeschnle zu Prag.
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