Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Kunst und Natur.

20H. (Pariser Ausstellung.) Madonna von dem Altar der Prager Kunst-
gewerbeschule; ausgeführt nach Entwurf und unter Leitung von I. Kästner.

dom \9. Jahrhundert, lassen uns sofort irgend welche
Mängel empfinden, wir nennen die Arbeiten trocken,
langweilig, nüchtern, ohne unmittelbar sagen zu können,
weshalb sie uns nicht gefallen; man prüfe sie auf
ihre Einheit in Form und Komposition.

Nur der kann ein künstlerisches Empfinden er-
langen, der nie ermüdet, die wundervolle Einheit der
Natur zu ergründen. Deshalb müssen unsere Künstler
die Natur studieren. Nicht um einzelne Motive
daraus zu schöpfen und vielleicht willkürlich zu ver-
wenden, oder um sie möglichst getreu mit allen davon
untrennbaren Nebensächlichkeiten und Zufälligkeiten
nachzubilden. Gewiß ist auch das künstlerisch be-
rechtigt, und zweifellos neigt die Entwickelung dieser
Art der Darstellung in letzter Linie zu, aber nicht

minder haben auch die in höherem oder
geringerem Grade typischen Bildungen das
Recht zu sein. Nur daraus kommt es an,
daß der iin Verhältnis der Einzelformen
zum Ganzen wahrnehmbare Ubersetzungs-
grad, das Gestaltungsprinzip, einheitlich
zum Ausdruck gebracht ist.

Diese Erkenntnis ist notwendig, sie ist
die Vorbedingung für eine freie, iin wahren
Sinne künstlerische Entwickelung.

Absolut genommen, kann also die
Leistung eines Rokokokünstler- denselben
ästhetischen Wert haben, wie die Schöpfung
eines altgriechischen Meisters, wie mag es
nun Zusammenhängen, darf man fragen,
daß man doch wohl meift ein Palmetten-
band über eine Rokokowanddekoration
stellen würde, wenn man über beider
wert entscheiden sollte.

Eine Erklärung dafür dürfte die fol-
gende sein. Wir sind stets gerne geneigt,
auf Einzelheiten statt auf das Ganze zu
sehen. Zeder erkennt an, daß die Natur
als Ganzes schön sei, ein einzelnes Natur-
gebilde wird aber von jedem Menschen, je
nach seinem persönlichen Geschmacks anders
beurteilt werden. Der eine liebt den Eich
bauin mehr als die Tanne, ein anderer
umgekehrt, der eine liebt die roten Rosen,
ein anderer die gelben mehr, einer liebt Blu
uteit weil sie duften, ein anderer Pflanzen,
weil sie ihn: Früchte tragen u. s. s.

Und stellt man sich nun einmal wieder
den Urtyp, die absolute Einheit vor, da
müßte aller Menschen Urteil gleich aus-
fallen, jeder iitdividuelle Geschmack träte
bei ihn: zurück, der Urtyp müßte schlechthin
schön sein. Und geht man wieder über
zu der zwischen beiden Grenzen liegenden Kunst, dann
wird ntait eine Erklärung dafür finden, daß die dem
Urtyp nächst kommenden Bildungen weniger in der
Beurteilung schwanken, als die der Wirklichkeit nicht
mehr fern liegenden Darstellungen. Bei den höchst
typischen Bildungen flitden sich auch in dett Einzel
heilen keine Nebensächlichkeiten, die mißfallen können,
ein einzelner Rokokoschnörkel jedoch ist nichts-
sagend.

Noch andere wichtige Beziehungen, die zwischen
Form und Kontposition bestehen, könnten hervor-
gehobett werden, es würde aber hier zu weit führen,
darauf einzugehen.

pingewiesen sei nur noch darauf, daß das be-
stehende Einheitsverhältnis von Form und Korn-

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