Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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(Dab neue ßaxenseße (Naiionakr
museum. (Von Oi-. S. V?. Kredt.

(Schluß.)

isher waren die Räume alle mehr-
bürgerlich oder kirchlich. Die
lVohnräume waren klein und
nreist niedrig, die Fenster selten
groß und hoch. Das Material
trat als solches sehr deutlich
hervor rmd alles war mehr contrastierend und un
ruhig. Zelten fiel der Blick auf große Flächen.

Nun wird das alles anders. Gleich der „Dachauer
5aal" vergegenwärtigt dies?)

Der Raun: ist hoch und das Licht fluthet durch
große Fenster hinein. Aber Licht und Farbe werden
immer feiner nuancirt. Man arbeitet kaum inehr
nrit starken Kontrasten. Die absolutistischen Fürsten,
das Fürstenthum überhaupt überninnnt jetzt das
Protektorat über die Run st und alles wird mehr-
künstlerisches Gesetz, Alles ist mehr Maaß und
auch da, wo die tollsten künstlerischen Launen Her-
vorbrechen, herrscht Berechnung.

Mir sahen schon von außen, daß die Vstseite
des Gebäudes unruhiger als die Mestseite ist. Die
strenge Augsburger Renaissance beherrscht die Mitte,
die die kulturhistorische Sammlung genau in Mittel-
alter und Neuzeit trennt. 5o ist das Aeußere der
harmonische Ausdruck des Inneren.

And das Prinzip der konstanten künstlerischen
Anregung, dein Gabriel v. Seidl schon in der mittel-
alterlichen Abtheilung so prägnanten Ausdruck ge-
geben hat, macht ihn auch in dem neuzeitlichen
Trakt zum großen Aünstler.

Der Dachauer Saal nun, der durch alte flandrische
Gobelins und den Dachauer Plafond hervorragend
schön ausgestattet worden ist, bezeichnet insbesondere

') Abbildung desselben im vorhergehenden kjeft, S. j5,
vorausgeschickt.

den Einzug der Renaissance in Bayern unter
Albrecht V., dem Begründer des Münzkabinets. Der
nächste Saal vergegenwärtigt, wie es vorzugsweise
oberitalienische Aünstler waren, die, vom bjofe heran-
gezogen, den deutschen Aünstlern und der deutschen
Aunst bildnerisch vorangingen. Die folgenden zwei
Säle init dem intimen Fuggerkabinet ergänzen das
Bild der ganzen glänzenden Epoche unter Albrecht V.
und Milhelm V. Ein anderer Saal mit vielen
kostbaren, zuin Theil äußerst minutiös ausgeführten
Möbeln und Ziergeräthen ist ein Bild der politisch
so glänzenden Zeit Bayerns unter dem Aurfürsten
Max I., dem die Goldschmiedekunst und die Teppich-
weberei so viel verdankt. (Abb. 5\.)

Der Sammeleifer läßt nun nach. Die Säle
selbst sind jetzt die kunstgewerblichen Meisterstücke.
An die nrit prächtigen Gobelins geschmückten Säle
Ferdinand Maria's, dem Begründer des Nymphen-
burger Schlosses, schließt sich rechts ein kleiner Se-
paratbau. Beide Säle Ferdinand Maria's haben
reich modellierte, vergoldete Plafonds aus der alten
Residenz zu München. In den vielen Medaillons
und Lartouchen der Plafonds sind farbenprächtige
tonige Gemälde der italienisirenden Meister jener
Zeit eingerahmt (Abb. 55 erster der beiden Säle).

Eine in polz ausgeführte, marmorierte Treppe
führt in den tiefer liegenden Borraum. Es ist dies
wohl das einzige Mal, wo unser ästhetisches Gefühl
verletzt wird. Die Treppe wird hoffentlich bald
in Stein ausgeführt werden. Denn wenn zwei Sinne
unbedingt gleichzeitig in Aktion treten müssen, wie
hier, wo das Auge glänzende M a r m o r flächen
sieht, der Fuß aber polz fühlt, so gibt das eine
Diffonnanz der Empfindung, die natürlich den
ästhetischen Genuß beeinträchtigt.

Dafür entschädigt uns aber reich das steinerne
Portal, eine alte, schöne Münchener Arbeit, der hier
angebauten prächtigen Rokokokapelle. Ein kleiner
Zentralbau, durch dessen rundes Mittelfenster im
stukkirtcn weißen Spiegelgewölbe wir ein in der

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