Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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368. Alis dein „Hans für Handel Il»d Gewerbe" — Neue Börse — tu München. Belief uns dein Börsenanfgang voti I. Taschner.
(„Spekulation und Kandel".) Ausführung in ksohlgalvano von Wilhelm & Lind.

Lr.v.Thierschb^DaubfürDandek
und <6»ewerKe".

in Neubau Münchens, der auch
von den Späteren sofort als
charakteristisch für das künst
lerische Können und Streben der
Zeit um (900 bezeichnet werden
wird, ist das „Haus für Handel
uitd Gewerbe". Zn dem Werk des scheinbar mit
olympischer Leichtigkeit schaffenden Meisters Friedrich
v. Thiersch nimmt dies Haus eine markante Stelle
ein. Und auch in Münchens gegenwärtigem architek-
tonischen Bilde tritt es, weniger durch seinen Aufbau
und Grundriß, als durch ein starkes und neues hervor-
treten des farbigen Elementes, bedeutsam hervor.

Der Wechsel mattroter und weißer, horizontaler
Steinschichten, mit denen das Erdgeschoß verblendet
ist, bedeutet für München ein ganz neues Geltend-
machen der Farbe in: architektonischen Ausdruck.
Das gleiche gilt von der bunten Ausmalung der
Aasseiten des ungewöhnlich weit vorspringenden Dach-
gesimses. Und das hohe, steil zulaufende Dach zieht
durch feine leuchtend grünen Ziegel unser Auge schon
von weitem auf sich.

Blag uns nun die gegenwärtig gar zu lästige
Mnemosyne dein: Anblick des Erdgeschosses oder
einzelner (Ornamente an die mittelalterlichen Airchen
Genuas und an normannisch-arabische Bauten, mag
uns die Bemalung des Gesimses, zumal wenn über
Isarathen ein heiterer Himmel sich wölbt, an das
farbenfreudige Hellas erinnern, mögen uns eine ganze
Reihe neuverwendeter arabischer Zierformen zu

Bauten und Völkern führen, die unter anderen
Zeiten und anderen Sternen lebten — es ist nur
unsere Schuld, wenn wir uns von jener alten, un-
modernen, selbst von Vater Zeus nur aus göttlicher
Neigung zur Abwechselung geliebten Musenmutter
Mnemosyne die Freude an jenem Bau auch nur
vorübergehend verleiden lassen wollten.

Fesselt uns doch das Außere wie das Innere
durch eine Fülle von Gedanken, die unser Ringen
nach neuer Lebensgestaltung durch neue Farben-
zusammenstellungen, neue Linien und Forinen kenn-
zeichnen. And dies um so mehr, als hier das Ganze
durch einen ungewöhnlich gefälligen Rhythmus iu
Farben und Formen und insbesondere in Verteilung
der Massen beherrscht wird. Selbst dort, wo ganz
Neues versucht wird, tritt es mit gewinnender Aeck-
heit hervor.

Gibt das Außere des Baues seinen Zweck zu
erkennen? Da das Haus außer dem großen Börsen-
saal und den: Sitzungssaal der Handelskammer auch
zu Bureaus und Wohnungen — im Erdgeschoß aber
zu großen Restaurationszwecken dient, ist es ganz
ausgeschlossen, daß das Außere dem Hauptzweck des
Gebäudes ein bestimmtes Gepräge gäbe. And wenn
das Haus auch nur Börsenzwecken dienen würde, so
wäre es wohl ein gesuchtes Problem, diesen ent-
sprechenden architektonischen Ausdruck zu verleihen.

Immerhin gibt das Erdgeschoß durch die starke
Betonung breiter, das Ganze fest zufammenfügender
horizontalen sich selbst den Charakter einer so soliden
Basis, wie sie gerade für große geldregierende
Aärperfchaften nicht besser zu wünschen ist. hoch
und frei, ohne Prunk, das schlichte Material nicht
verläugnend, aber bestens verwertend, bauen sich über

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