Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Zum fünfzigjährigen Bestehen des Bayerischen Kunstgewerbevereins.

3» dem unregelmäßigen Raum hinter dem
Altar, der durch die 3 Fenster des thurmartigen An-
baus das reichste Licht erhält, sind Tilman Riemsn-
schneiders köstliche Werke aufgestellt. Wir sind schon
ganz anr Ausgange der Gothik. Auch die beiden
mächtig großen und hohen, gewölbten Räume für
die Waffensammlung können uns an den Aus-
gang des Wittelalters erinnern, Sammelwerke und
Sammlungen sind doch immer das Zeichen eines
gewissen Abschlusses, einer neuen, heranbrechenden
Epoche.

Die Fülle des Materials und das Material
selbst brachte es mit sich, daß die äußere Einricht-
ung der Räume weniger wohnlich, weniger künst-
lerisch zu stimmen war. Sind doch auch die Waffen-
und Geweihsammlungen unserer modernen Rrieger
und Nimrods inehr oder weniger auf Rosten einer
einheitlichen Schönheit in monoton-unruhiger Weise
geordnet.

Zn offener Verbindung mit der großen qua-
dratischen Waffenhalle steht ein von sechs Rreuz-
gewölben überdeckter Saal, dessen Wände mit einigen
täuschend imitirten Wandgemälden geschmückt sind.
Pier erinnert nun alles, daß das Mittelalter zu Ende
ist und wir am Anfänge der neuen Zeit stehen.

Mit dem großen Saal, den die eine pälfte des
kostbaren Polzplafonds aus dem Dachauer Schlöffe
allein schon zu einem prunksaale, ganz neuzeitlichen
Gepräges, macht, sind wir in die kulturhistorische
Abtheilung der neueren Zeit eingetreten.

Pier darf wohl einmal an den großen erziehe-
rischen Werth des neuen bayerischen Nationalmuse-
ums erinnert werden. Gewiß hat schon das alte,
haben auch nach ihm andere Kunstgewerbemuseen
viel zur ästhetischen wie historischen Bildung unseres
Volkes beigetragen, aber die Run st- und Ruitur-
geschichte, die das neue Nationalmuseum darstellt, ist
so klar, in so meisterhaft-schönem Stile geschrieben,
daß jedermann daraus nicht nur historisch sondern
—■ und das fehlt uns Deutschen des 20. Zahr-
hunderts so sehr — ästhetisch auf's Nachhaltigste
belehrt wird. Das danken wir nicht den Schätzen
allein, das liegt auch nicht nur an der merkwürdig
stimmungs- und stilvollen Aufstellung der Schätze,
durch Rudolf v. Seitz, das danken wir hauptsächlich
der genialen Anlage und Ausgestaltung des Baues
durch Gabriel v. Seidl.

(Schluß folgt.)

W'

Jum fünfzigjährigen (Kefiehen des
(Kaxerifchen (XunfigewerKevereine.
(Don L. Gmekm.

ünfzig Zahre arbeitsreichen Daseins
hat der Bayerische Runstgewerbe-
verein durchlebt! Mit Stolz darf
der Verein diese Thatsache buchen.
Entstanden in einer Zeit tiefster
Ebbe des Runsthandwerks, hat
er wefemlich dazu beigetragen, das Runsthandwerk
aus einem kaum beachteten, elenden Schwindsüchtigen
zu einem blühenden, kräftigen Jüngling heranzuziehen;
als ältester Verein dieser Art in Deutschland ist er
zahlreichen Vereinen iin Deutschen Reich zum Vorbild
geworden, und die Früchte all' dieses Wirkens, dessen
erste Reime vor fünfzig Zähren in der für uns
Deutsche politisch trostlosesten Zeit unter den wärmen-
den Strahlen edler Begeisterung aufgegangen sind,
dürfen wir heute in unsere Scheunen einfahren in
dem befriedigenden Bewußtsein, daß Segen der
Mühe Preis ist.

Fünfzig Zahre zählen wenig im Leben der
Völker und in der Entwickelung der Kultur; aber sie
bedeuten viel iin Dasein eines Vereins — in einem
Dasein voll rastlosen Wirkens, das bald an dem
Fels der Verständuißlosigkeit zurückgebrandet ist, bald
die leichte Düne in unwiderstehlicher Sturmfluth mit
sich fortgerissen hat, — das bald als seichtes Gewässer
zu versumpfen drohte, bald im Kampf der Mei-
nungen gefährliche Wirbel hervorrief! Es ist ein
Zeichen von Gesundheit, von unerschöpflicher Lebens-
kraft, wenn ein Verein all' diese Wechselfälle über-
dauern konnte.

„Aber welchen Einfluß hat ein einzelner Verein
auf das Runstgewerbe in seiner Gesamintheit? Das
entwickelt sich doch beständig weiter und sendet natur-
gemäß überallhin seine perolde aus!" — Zetzt aller-
dings I Aber das war nicht immer so. Nur zu
gerne nehmen die Genießenden das Wirkliche als
etwas längst Vorhandenes an, das gar nicht anders
sein kann, ohne zu bedenken, daß es eine Zeit ge-
geben hat, in der es aller Ehatkraft begeisterter
Männer bedurfte, um Zustände herbeizuführen, die
heute Zeder als selbstverständlich ausieht.

Darum sind solche Zeitabschnitte geeignete Augen-
blicke, um Rückschau zu halten auf den: zurückgelegten
Weg, um — in Selbsterkenntniß, aber auch ohne Selbst-
verkennung — Wollen und Vollbringen gegeneinander
abzuwägen, um zu prüfen, ob die eingeschlagenen
Wege zum Ziele hingeführt oder ob sie in die Zrre
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