Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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Lhronik des Bayer. Kuustgewerbevereius.

(66. Kamin mit Aufsatz aus buntglasirlen Thonfliesen von Max Länger, Karlsruhe.

was möglich ist, um die Entwickelung der kunstgewerblichen
Sache bei »ns energisch anzuregen und zu unterstützen.

Einen Vorsprung haben wir ja in Bayern, besonders
in München, der für unsere Zukunft einen enormen Werth
besitzen kann — wenn wir ihn richtig ausbenten —: das ist
der innere Zusammenhang zwischen Kunst und Volk, der dem
Münchener Leben sein charakteristisches Gepräge aufdrückt. Das
Volk lebt mit der Kunst, und die Kunst lebt bei uns im Volke.
Jede künstlerische Bewegung wird also bei uns auf eine breitere
Basis rechnen dürfen als irgend anderswo. Aber das genügt
allein nicht. — Ls bedarf wie gesagt, der Ausbeutung dieses
Faktors, es bedarf mit anderen Worten einer zielbewußten
Grgauisation, welche der Erziehung eines kräftigen Nachwuchses
ebenso sehr dient wie der Erziehung des Volkes; welche also
den Produzenten ebenso in’s Auge faßt wie den Konsumenten
und welche ein reges Leben und Blühen wachruft und wachhält
im weiten Reiche des Knnsthandwerkes. — — —

Wer mit einiger Kenntniß der Sachlage der Erscheinungen
Folge beobachtet und jetzt wieder in Paris das Lrgebniß der
verschiedenen Bestrebungen gesehen hat, wird die innerste
Ueberzeugung mit sich nach Hause nehmen, daß in
dieser Richtung etwas geschehen muß und daß es
die höchste Zeit ist, dieses Unerläßliche in die
Wege zu leiten — wenn nicht anders den Konkurrenten
ein Vorsprung zukommen soll, den einzuholeu nicht mehr
möglich ist.

Auch wir haben eine kraftvoll vorwärts strebende Be-
wegung in unserem heimischen Kunstgewerbe, eine Bewegung,
die noch viel intensiver, viel fruchtbarer sein würde, wenn sie

mehr zentrale Anregung, mehr Zielbewußtsein hätte, von einem:
Privatverein oder Privatinstitut kann beides nur in den seltensten
Fällen ansgehen; denn für beide besteht neben dem künstlerischen
Interesse meist auch das Interesse der Selbsterhaltung.

Es thut uns also eine Einrichtung noth, welche frei von
solcher Sorge und von sachkundiger Sand geleitet der Zersplit-
terung der vorhandenen reichen Kräfte vorbengt, dieselben viel-
mehr zusammenfaßt und, kurz gesagt, den Ulitlelpunkt, das
Herz unseres ganzen kunstgewerblichen Lebens bildet; eine Ein-
richtung, ans deren Sammelbecken in tausend vorsichtig ange-
legten und geregelten Kanälen der Lebensstrom der Anregung
hinausstießt in das Atelier des Künstlers und in die Werkstatt
des Handwerkers; in welche die Frucht der heimathlichen
Arbeit zurückkehrt und in welcher sie sich zusammenfindet mit
den Ergebnissen des Schaffens der fremden Nationen, zu nutz-
bringender Vergleichung, zu segensvoller Belebung, zu stets sich
erneuernder Auferstehung.

Und der erste Baustein zu ihrer Aufrichtung wäre ein
modern durchgebildeles Mrrsertin, das der Werkstatt Kräfte
erzieht und Vorbilder bietet; das dem Volke ein unerschöpflicher
(Quell von Belehrung und Beirath ist; das der Technik eine
Probestätte und einen Sammelpunkt der Erfahrungen bereitet.""

Programm der nächsten Vereinsversammlungen.

(5. Jan. Fachabend für Hohlglasfabrikation mit Ausstellung^
22. „ Geselliger Abend; Vorführung von Lichtbildern.

29. „ Vortrag von Dr. Halm: Die Frau in der Kunst.

Die Generalversammlung findet am 26. März statt.

Berankrv. Red.: j)rof. £. (Smelin. — Herausgegeben vorn Bayer. Runstgerverbeverein. — Druck und Berlag von R. Gldenbourg, München.
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