Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 55.1904-1905

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Architektur und Kunstgewerbe auf der Weltausstellung in St. Louis.

und zu nehmen. Zch gerate damit in keinen Widerspruch zu früher
von mir Gesagtem; denn wenn man auch in München nicht alles
loben kann . . . im großen ganzen bietet unsere Architektur ein
Bild dar, das sich wohl in glänzender Weise vom Schaffen aller
anderen deutschen Städte abhebt.

£s gibt Leute, die immer wieder von einem Niedergang
Münchens als Kunststadt reden. Sollte sogar in bezug auf Malerei
ein Dörnchen Wahrheit daran sein: wenn sich unsere Architektur
zielbewußt, kräftig, selbstherrlich weiter entwickelt, so wird München
erst recht wieder und in kurzer Zeit die führende Rolle in allen
Dunstangelegenheiten Deutschlands einnehmen. Man braucht nur
ein wenig in der Dunstgeschichte nachzublättern, um deu überragen-
den Einfluß einer Architektur, die eine pöhe innehatte, auf die

anderen Dünste nachzuweisen.
Architektur tut uns also not,
tausendmal an: Tage und an
jedem Orte, im Großen wie
im Dleinen. Sie ist das paus,
in dein der Wilde gesittet wird,
und der Denkende nach und
nach wahre Dunst erkennen,
verstehen, achten lernt, paben
wir eine Baukunst, wie sie die
besten unserer Dünstler träu-
men, so haben wir auchWohn-
räume, in denen Dultur zutage
tritt. Die Holge davon ist eine
gesunde, sch m ü cken d e Ma-
lerei, eine andere eine gute


\70. Lampe von M. Länger, in Metall
getrieben von Blechner wilh. Weiß,
Karlsruhe.

Plastik. Und zuletzt wird uns eine führende Architektur auch zur Spenderin
eines Dunstgewerbes werden, wie wir es jetzt nicht haben und nicht
haben können. Denn der Architekt hat der Dapellmeister im Orchester
der bildenden Dünste zu sein. Er allein weiß in Wahrheit um die
Harmonie aller Dinge und indein er keines verachtet und alle erhebt,
breitet er um uns eine Schönheit aus, deren Glanz uns adelt. . .

Moritz Otto Baron Lasser.

\7\. Uhr im Musikrauin von Billing
(Abb. \72), ausgeführt von Kunst-
schlosser Friedrich Lang, Karlsruhe.

Arcßiteßiur und Aunskzeiverße auf der
12?ekkaubfkekkunH in St. Lome.

(Von Fr. v. Mersch.

(Schluß.)

Freude ist zu bemerken, daß die reiferen unter
den Dünstlern, welche bahnbrechend in der neuen
Richtung wirken, zu einer gewissen Einfachheit und
Dlarheit der Donzeption hindurchgedrungen sind.

Der mißverstandene Zugendstil mit seinem ent-
setzlichen Liniengeschlängel ist überwunden und hat
einer mit einfachen geometrischen formen arbeitenden Dunstweise Platz
gemacht. Manchmal geht die Schwenkung nach der einfachen Seite
hin etwas weit, doch ist das immer noch erträglicher als das starke
pinneigen zum unmotivierten Reichtum.

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