Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 55.1904-1905

Page: 168
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1904_1905/0187
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Lhronik des Bayer. Runstgewerbevereins.

Ltzomk k»e§ VrlPriUkn KMstgkwkrökverkin§.

3\5. Häubchen aus grauem Samt mit eingebranntem ©rna-
ment; von Louise v. Dietz, München. ('/, der wirkl. Gr.)

Wochenversainmktmgen.

Zehnter Abend — den 2-4. Januar — Dortrag von Prival-
dozeut vr. Ls. Beckmann: Bilder aus der Wirtschafts-
und Sozialgeschichte des deutschen Handwerks.
Daß das deutsche Handwerk im Mittelalter, bis ins ;6. Jahr-
hundert. an führender Stelle stand, ist bekannt; wie hat sich
nun das deutsche Handwerk zu dieser Höhe eutwickelt und wie
büßte es seinen sozialpolitischen Rang ein? — Das war die
Frage, deren Beantwortung sich der Redner zum Gegenstand
seines gediegenen Vortrages gewählt hatte. Aus der ursprüng-
lich ackerbautreibenden Bevölkerung lösten sich wohl zuerst die
Schmiede als selbständige Handwerker los, dann Töpfer und
Weber: Die Schmiedekunst spielt in der altdeutschen Sage eine
bedeutsame Rolle; die Tuche der friesischen Weber genossen schon
zu Karl des Großen Zeit eines guten Rufes. Im übrigen
war das Handwerk eine national-wirlschaftliche Nebentätigkcit.
Erst mit der großen grundherrlichen Entwicklung bei Pfalzen,
Köuigshösen, Klöstern und noch mehr nach dem Entstehen der
Städte — besonders seit dem und \2. Jahrhundert — machte
die Abspaltung des Handwerks und damit seine Entwicklung
größere Fortschritte und im \2. und ;z. Jahrhundert schuf das
deutsche Handwerk seine (Organisation, die Zünfte, welche zwar
nur für gewerbliche Zwecke ins Leben gerufen wurden, aber
im Laufe der Jahrhunderte zu politisch bedeutsamen Faktoren
heranwuchsen. Der Stadtherr sicherte vermöge des Zwangs-
charakters der Fnttst dieser den Gewerbebetrieb ausschließlich zu;
das Aufsteigen des Handwerks ist aber doch noch mehr der
wirtschaftlichen Konjunktur im (3. und Jahrhundert zu
verdanken, weil damals der Welthandel durch Deutschland führte,
was sich infolge der Entdeckungen vasco de Gamas und
Kolumbus' änderte. Mit dem Bewußtsein ihrer Bedeutung

erstarkte auch die Macht der Zünfte und sie bildeten in den
Stäben die Träger des Autonomiegedankens, selbst da wo —
wie in Frankfurt und Nürnberg — die Patrizier die Herrschaft
behielten. Zugleich aber bildetet! sich auch schon (im Jahr-
hundert) Gesellenorganisationeu, die in ähnlicher Weise wie
heutzutage Kämpfe gegen die Meister durchzuführen suchten, ja
es wurde schon damals der Mai als Gesellenfeiertag pro-
klatniert. Diese Entwicklung führte schließlich dahin, daß in der
zweiten Hälfte des ;s. Jahrhunderts der Landesherr die
Schlichtung der Streitigkeiten in die Hand nehtnen mußte, bis
schließlich (t-3t) ein Reichsgesetz diese Verhältnisse regelte.
Datreben war — seit dem Jahrhundert — das „verlegertum"
entstanden: Der Handwerker hörte mehr und mehr auf, zugleich
der Kaufmann zu sein, und der Kaufmann machte sich detr
Handwerker untertan; es bildete sich allmählich die „Fabrik",
die „Manufaktur" aus, und nur die kunstgewerblichen Betriebe
haben Aussicht, bis zu einem gewissen Grade bestehet: zu bleiben.

«Elfter Abend — den s\. Januar — Vortrag von fj. L.
v. Berlepsch über: „S ka tr d itt a v i sch e v 0lks museen."
Der überaus interessante, von einer großen Zahl votr Lichtbildern
begleitete Vortrag bildete dett Kern einer größeren Abhandlung,
die der Vortragende für unsere Zeitschrift verfaßt hat; wir ver-
weisen deshalb hier auf die in nächster Nummer beginnenden
Ausführungen und stellen nur fest, daß der Vortrag die zahl-
reiche Zuhörerschaft während zwei Stunden in gespannter Auf-
merksamkeit fesselte. — Uber die hierauf folgende allgemeine
Versammlung, welche nicht als Vereinsversammlung durch-
geführt wurde und bei der die Ausstellungsbauten auf der
Theresienwiese den Gegenstand der Besprechung bildeten, be-
richten wir an anderer Stelle.

3\t\. Arbeitstäschchen ans gelbgrauem Samt mit eingebranntem
Ornament. (7s der wirkl. Gr.)

verantw. Red.: j)rof. £. ©me litt. — Ijcrmtsgecjebeit vom Bayer. Aunstgewerbeverein. - Druck und Verlag von R. Vldenbourg, München.
loading ...