Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 55.1904-1905

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Musivische Kunst. IX.

588. St. Benno, Mosaik nach einem Karton von Karl Rickelt,
ausgesührt von der Kgl. Bayer. lsof> Mosaik-Kunstanstalt von
S. Theod. Rauecker, München - Solln.

(Vis' der wirkl. Gr.)

(Musivische (Kunst. II.

(Von Aark (Uke, (München.

nders als der Gelehrte muß der
Fachmann eine Abhandlung über
musivische Aunst abfassen. Die
eine Arbeit kann deshalb die
andere sehr wohl ergänzen. Jener
berichtet zunächst über die geschicht-
liche Entwicklung des Mosaiks, während sich dieser
mehr mit den technischen fragen beschäftigt. Erst
in den: Ljinweis auf die Ziele, die uns in Gegen-
wart und Zukunft vorschweben sollen, müßte Über-
einstimmung beider eintreten. wenn hier diese Über-
einstimmung schließlich nicht in allen Punkten statt-
findet, mögen andere darüber entscheiden, ob der
Gelehrte oder der Fachmann recht hat.

Zn nachstehendem wird nun in erster Reihe
die Technik der Neuzeit sowie im Vergleich damit die
Technik der Alten beschrieben und im Anschluß daran
die Frage erörtert werden, ob unsere gegenwärtige
Betätigung auf dem Gebiete musivischer Aunst, ins-
besondere der Glasinosaik als der vornehmsten Tech-
nik hierfür, das Richtige trifft und welche Ziele wir
künftig verfolgen sollen.

Wer jemals Gelegenheit hatte die herrlichen
Arbeiten ntusivischer Aunst vergangener Jahrhunderte,
fei es in italienischen oder in spanischen u. a. von
orientalischer Aunst beeinflußten Bauwerken, zu be-
wundern, wird wohl zugeben müssen, daß sie alle
das Gepräge tragen, als handle es sich dort um
Werke, die direkt an dem (Orte und nur für den
Grt, an den: sie sich befinden, hergestellt worden
sind. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied der
alten musivischen Aunst gegenüber den meisten Ar-
beiten neuerer Zeit auf dem gleichen Gebiete, die
alle mehr oder weniger die Atelierarbeit zum Aus-
druck bringen. Bon den Arbeiten aus der Zeit vom
(6. Jahrhundert an, bei denen es sich häufig um
die Ersetzung anderer Malweisen durch eine dauer-
haftere Technik handelte, soll hier nicht als von Bei-
spielen alter Aunst gesprochen werden. Es braucht
deshalb nicht untersucht zu werden, in welcher weise
diese Arbeiten hergestellt wurden. Möglich ist, daß
sie zwar positiv, also von vorn, so wie sie der Be-
schauer jetzt betrachtet, auf einem lockeren Untergrund
in einem Sandbett od. dgl. in der Werkstatt des
Aünstlers geschaffen, durch Abziehen davon in ne-
gative Bilder verwandelt und dann erst auf die
wand übertragen wurden. Erwähnt sei nur, daß
dem Verfasser ein solches Verfahren im Jahre (886
in Rom von Mosaikarbeitern beschrieben wurde

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