Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstunterricht und Kunstpflege. — Kunst- und Gewerbevereine.

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loben. Nach diesen bilden drei sorgfältig ausgeführte Blätter
(Atelierstudien) die erfreulichsten der Sammlung in künstle-
rifcher Hinsicht. Nr. 6 stößt freilich ab durch den Mangel
jeglicher Auffassung, durch einen Ausdruch der mit der Unter-
fchriit (f'ai bonts) in direktem Widerspruch steht. An den
übrigen Blättern stört hauptsächlich die sonderbare Lieb-
haberei des Künstlers für nnnatiirlich große Augen, die wie
vorgequollen und gläsern im Ausdruck erscheinen. Auch der
sonstige Liebreiz der Figuren ist kein sonderlich hoher; man
sieht chnen meist die bewegte Vergangenheit an und anf
viele paßt der Anfang des'Mantelliedes schon lange nicht
mehr. Das Titcl- und Schlußblatt sind leichte Kohlenskizzen,
die von Talent zeugen. Der Eindruck, den man vom Ganzen
hat, ist der des Suchens nach einer bestimmten Ausdrucks-
weise. Einstweilen scheint der Künstler sich nvch auf man-
cherlei Vorbilder stützen zu müssen, ehe er die rechte Meister-
schaft über die Form erlangt hat, dis ihn befähigt, einen
eigenen, selbständigen Typus hervorzubringen.

z'. Die Handausgabe dcr „Kunsthistorischen Bilderbogen",
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig, liegt nunmehr
vollendet vor. Die vierte und letzte Abteilung umfaßt
LO Tafeln in Querfolio und illustrirt die Kunstgeschichte der
nördlichen Länder und Spaniens vom Auftreten der Brüder
von Eyck bis zur Blütezeit des Rokoko. Die Handausgabe
enthält im ganzen 16? Tafeln mit I2S0 einzelnen Ab-
bildungen. Von dem zur Erläuterung dieses reichen An-
schauungsmaterials bestimmten Textbuche ist bis jetzt die
erste Abteilung (Altertum) erschienen. Dasselbe fiihrt den
Titel „Grundzüge der Kunstaeschichte" und hat Anton
Springer zum Verfasser. Die Arbeit des berühmtsn Kunst-
historikers stellt sich als eine neue Bearbeitung des vor einigen
Jahren in zweiter Auflage erschienenen Textbuchs zu oer
Gesamtausgabe der „Kunstyistorifchen Bilderbogen" dar und
soll nach der Ankündigung der Verlagshandlung im nüchsten
Frühjahr zum Abschluß kommen.

x.— Gedenkbliitter zur Gutenbergfeier am 50. Iahres-
tage der Errichtung des Gutenbergdenkmals in Mainz. Die
aus Anlaß der 50jährigen Errichtung des Gutenbergdenk-
mals zu Mainz von den vereinigten Mainzer Buchdruckern
nnd Buchhändlern herausgegebeiien Gedenkblätter sind auf
einheitlicher Grundlage von 18 Mainzer Druckereien her-
gestellt. Sie bieten iii sormeller Hinsicht somit ein Bild und
Denkmal der Leistungen der Mainzer Drucksirmen im Jahre
1887. Nach der künstlerischen Seite ersuhr die Festschrift
durch zahlreiche Beiträge des Mainzer Künstlers P. Halm
eine höchst wertvolle Bereicherung. Der in der graphischen
Kunstanstalt von Karl Wallau hergestellte Umschlag schließt
sich mit voller Treue an den Schösferschen Psalterdruck an.
Jnhaltlich bieten die Gedenkblätter in buntem Wechsel Bei-
iräge Mainzer Schriftsteller. Der Festgelegenheit gewidmet,
reihen sich poetische Erzeugnjsse an Riickblicke auf die Ge-
schichte des Denkmals; daneben finden sich wissenschaftliche
Arbeiten von bleibendem Werte, welche der Mainzer Druck-
kunst und ihrer Entwickslung gewidmct sind. Die vornehme
Erscheinung des stattlichen Bandes, welcher seine Entstehung
dem um die Kunstgeschichte von Mainz hochverdienten vr.
Fr. Schneider verdankt, giebt demselben in der That das
Anrecht, als würdige Leistung der Mainzer Druckfirmen
und Buchhändler die Gedächtnisfeier in die weitesten Kreise
hinauszutragen.

Aunstunterricht und Aunstpflege.

II. .1. l,. Reiscstipeiidien für Architekten. Zum Andenken
an Gottfried Sempers glänzende Thätigkeit in Dresden
hat die Stadt Dresden ein Reisestipendiuin für Architekten
gegründet, dessen Zinsen in der Höhe von 1600 Mark für
das Jahr 1886 demnächst zur Verleihung gelangen. Be-
dingung ist. daß der betrefsende Bewerber deutscher Abkunft
ist, daß er feine Fachbildung im wesentlichen auf einer säch-
sischen Lehranstalt fiir Baukunst erlangt und mindestens ein
Jahr lang die Abteilung für Architektur auf der Dresdener
Akademie für bildende Künste besucht hat, nnd daß er den
Beweis künstlerischer Befähigung und ernsten Strebens er-
bringen kann. Bewerbungen sind bis zum Jahresschluß im
Altstädter Rathaus, erster Stock, Zimmer 16 abzugeben.
(Vergl. die erste Beilage zum „Dresdener Anzeiger" vom
30. November 1887.)

Aunst- uud Gewerbevereine.

II. .-1 !.. Sächsischcr Kunstverein zu Drcsden. Jn der
am 3o. November abgehaltenen Generalversammlung des
sächsischen Kunstvereins wurde wiederum an Stelle eines
größsren, künstlerisch bedeutenden Kupferstiches als Vereins-
biatt für das Jahr >890 ein Heft mit Radirungen gewählt.
fiir welche „Bilder von Leonhardi (Frühlingslandschast),
Tommasi (Öffentlicher Schreiber)) Jentsch (Duett), Bert-
ling (Mutterglück), Zschimmer (Auf Urlaub) und Max
Fritz (Am Graben) vorgeschlagen sind. Offenbar ist sür
diese Entschsidung der Generalversammlung wiederum der
Gesichtspunkt maßgebend gewesen, daß es die ?lusgabe des
Kunstvereins sei, einer moglichst großen Anzahl Dresdener
Radirer und Kupferstecher Beschäftigung zu gewähren. Der
Beschluß wird daher alle diejenigen niit Genugthuung er-
süllen, bei denen der Lokalpatrivtismus das Jnteresse an
der Kunst überwiegt, und welche in den Worten: Sächsischer
Kunstverein das Adjektivum: Sächsisch mehr betonen zu
müssen glauben, als das Hauptwort: Kunst. Alle übrigen
Mitglieder des Vereins dürften dagegen mit der geschehenen
Wahl weniger zusrieden sein, zumal wenn sie die vorge-
schlagenen Bilder ins Auge fassen, unter denen sich auch
nicht eines über das gewöhnliche Mittelgut erhebt. — Am
Schlusse der Sitzung überwies die Versammlung aus der
Kasse für vffentliche Zwecke die Bronzegrnppe der Bacchantin,
ein Werk des frühverstorbenen Bildhaners Helbig aus
Blasewitz, dem königl. Museum der Gipsabgüsse.

2. Der Leipzigcr Kunstvcrein ist in diesen Tagen durch
die plötzliche Amlsniederlegung seines Vorsitzenden, Geheim-
rats Overbeck, in unsreundlicher Weise überrascht worden.
Der Grund, welcher den um die Förderung des öfsentlichen
Kunstlebens der Stadt hochverdienten Gelehrten zu dem be-
klagenswerten Entschlusse veranlaßte, ist in einer seit einiger
Zeit schwebenden Personenfrage zu suchen, über welche eine
Einigung zwischen dem Stadtrate, als der für die Ange-
legenheiten desMuseums kompetentenBehörde, und demDirek-
torium des Kunstvereins nicht zu erzielen war. Es handelte
sich um die Anstellung eines Assistenten, dessen der Kunst-
verein nicht minder als das Museum dringend bedürftia sind.
Bei deni eigentümlichen Verhältnisse, in welchem der Knnst-
verein, als Hauptförderer der Museumszwecke und als Mii-
bewohner des Gebäudes, zu der städtischen Behörde steht, ist
es nicht zu verwundern, wenn verschiedene Meinungen mit-
unter hart aufeinandertreffen. Die gute Sache hat dabei
nur zu leiden.

— Aus Köln. Jn der am 25. November stattgehabten
außerordentlichen Generalversammlung des Gewerbevereins
für Köln und Umgegend berichtete der Vorsitzende, Baurat
Pflaume, über das zn errichtende Kunstgewerbemuseum,
die Llngelegenheit besinde sich in der erfreulichsten Entwick-
lung. Es unterlieae keinem Zweifel inehr, daß die Be-
dingungen, welche die Stadt an eine Unterstützung und die
Ubernahme der Verwaltung ihrerseits geknüpft habe, in
kurzer Zeit sich würden erfüllen lassen. Dies genüge jedoch
nicht; solle das Kunstgewerbemuseum die Bedeutung erlangen,
welche demselben in einer Stadt wie Köln, dem Sitze eines
seit Jahrhunderten hochentwickeltcn Kunstgewerbes, gebühre,
dann mirsse man bemüht sein, das Unternehmen mit größeren
Mitteln auszustatten, als sie siir den ersten Anfang..viel-
leicht gerade ausreichend wären. Wenn auch durch Uber-
weisung der kunstgewerblichen Schätze unseres Wallraf-
Richartz-Mnseums ein schöner Anfang gemacht werde, so dürse
man nicht vergessen, daß manche Gebiete des Kunstgewerbes
unter denselben gar nicht oder nur schwach vertreten seien.
Die Ausfüllung dieser Lücken und die stete Erweiterung er-
forderten aber ganz bedeutende Mittel. Diese seien zu be-
schaffen dnrch Zeichnung einmaliger Beiträge sowie nament-
lich durch Gründung eines Kunstgewerbevereins mit großer
Mitgliederzahl und entsprechender Jahreseinnahme. Der
Gewerbeverein sür Köln und Umgegend habe die erste An-
regung zur Errichtung des Kunstgewerbemuseums gegeben,
demselben erwachse nun auch die Aufgabe, im Kreise der
Bürgerschaft Beiträge zu sammeln und Mitglieder zu werben.
Er gebe sich angesichts der hocherfreulichen Thatsache, daß
die den Kreisen der Handwerker und Gewerbetreibenden nicht
angehörigen Mitbiirger das Unternehmen in außerordent-
licher Weise unterstutzten, der Hoffnung hin, daß auch die
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