Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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6t der Weg von der Zeichmmg bis zum Bilde noch
?tn weiter.

Eine große Kohlenzeichnnng von Hugo Knorr
(Karlsruhe), Motiv ans dem norwegischen Hochgebirge,
hat in der Düsseldorfer Kollektivausstellnng von Agua-
^cllen und Zeichnungen wohl nur znfällig ihren Plah
gestmden und gehört zu einer größeren Folge von
Studien und Kompositionen des Künstlers, welche im
Treppenhause der Kunsthalle vor längerer Zeit aus-
gestellt sind. Daß eine so eminente Begabung, wie
diejenige Knorrs, wohl hanptsächlich wegen der ihm
fehlenden Aufmunterung durch die Teilnahme des
Publikums, in den letzten Jahren nur selten zn ent-
scheidender künstlerischer Äußernng gelangt ist, darf
uian aufrichtig bedauern. Jn Knorr vereiuigt sich
Stilgefühl und Naturpoesie mit realistischer Kraft.
Tn seinen Kartons zur Frithjofssage betrat er mit
glänzendem Erfolg einen Weg, den der ideal denkende
Künstler gewiß nur unter dem Zwang der Verhält-
nisse verlassen hat. Wie ich höre, beschäftigt ihn seit
einiger Zeit ein Cyklus von Kartons zu Wagners
Ring des Nibelungen. Er ist wie kein anderer berufen,
den naturpoetischen Gehalt des wunderbaren Tonge-
dichts künstlerisch zu erschöpfen.

Jm Hauptsaale der Kunsthalle stellt Hans Herr-
wann (Berlin) zwei Meisterwerke aus. Der Hafen
von Amsterdam hat sich auf der Jubiläumsausstellung
die gebührende Anerkennung verschafst nnd leidet hier
nur unter der von dem Wetter bedingten traurigen
Beleuchtung. Die Fleischhalle in Middelburg ist aber
als ein Triumph moderner Kunst zu bezeichnen. Der
Einblick in die spätgotische Halle mit flachen Kreuz-
gewölben, unter denen das rote Holzwerk aufragt,
gcwährt dem malerisch empfindenden Blick ebenso
große Überraschung als nachhaltigen Gennß. Wie
der Künstler unter Festhaltung eines geradezu unbe-
greiflichen Details von Fleischauslagen den malerischen
Gcsamtton, die dämmernde Luftperspektive, mit einem
Wort die Einheit des Knnstwerks zu erreichen ver-
niag, dürste anch den tüchtigsten seiner Kollegen ein
Gegenstand der Bewunderung bleiben. Diese Perle
üürd, wenn die Nationalgalerie sie sich entgehen läßt,
in nicht gar zu langer Zeit eine der vllrnehmsten
Sammlungen zieren und bei ihrer Wanderung der-
einst fabelhafte Preise erzielen. Wenn die Kritik es
wagt, einer solchen Erscheinung ersten Ranges gegen-
über abfällige Bemerkungen über den Gegenstand zu
niachen, so zeigt sie eben gänzlichen Mangel an Beruf.

Auch Hartung ist der Nationalgalerie zu sig-
nalisiren. Wenn irgend eine Kunst in das erhaltende
Heiligtum unserer höheren Kultnr gehört, so ist es
die Kunst dieses jugendlichen Meisters. Mcin klagt
ganz unbegrnndeter Weise über Verfall. Aber wenn

einmal ein Berufener den Mut hat, da mit voller Kraft
wieder einzusetzen, wo eine edle Ausdrucksweise in
dem Fortstürmen jugendlicher Dränger ermattet am
Wege liegen blieb, dann hat man kein Auge dafür.
Häl die Wirkung des nebligen Morgens am Rhein,
den dcr Künstler vor Kurzem nur einige Tage in der
Kunsthalle ausgestellt hatte, ihn selbst wirklich noch
nicht befriedigt, so ist die Warnung am Platze, das
wundervoll Erreichte nicht für billigere Reizmittel der
Masse hinzugeben. Solche Bilder sind der Stolz und
das Privilegium deutscher Knnst.

Bei Schulte sahen wir das von Hugo Vogel
für das Provinzialmuseum zu Hannover gemalte
große Historienbild: „Ernst der Bekenner nimmt in
der Hofkapelle zn Celle das Abendmahl in beiderlei
Gestalt." Mit diesem ausgezeichneten Werke werden
nun wohl die Stimmen zum Schweigen gebracht sein,
welche die Fähigkeit des Künstlers bezweifelten, anf
eigenen Füßen zu stehen. Man versuchte hier, auf
Kosten Vogels weit geringere und zum Teil versehlte
Leistungeu anzupreisen, ja, es gehörte in gewissen
Kreisen zum guten Ton, den Bernf dieses durch sein
Gleichgewicht eines guten Erfolges versicherten Talents
in Zweifel zu ziehen. Sein letztes Werk erhebt sich
weit über die Gattung derartiger Repräsentations-
bilder. Jm Ausdrnck den Vorwurf erschöpfend, zeigt
es sich glücklich und klar in der Anordnung und stellt
sich durch den koloristischen Geschmack, den selbst die
übertriebenen weißlichen Lichter nicht wesentlich be-
einträchtigen, auf eine Höhe, wie sie in Deutschland
nur selten erreicht wird. Die Einflüsse von Gebhardt
und Sohn, für ein vertrautes Auge noch deutlich
wahrnehmbar, erscheinen in selbständiger Abklärung
und Verarbeitung. Der Ruhm der Düsseldorfer Aka-
demie und ihre Anziehungskraft können durch solche
Werke nur gewiunen. Doch wird Vogel in Zukunft
gut thun, die Namenssignatur seiner Bilder ihrem
feinen Geschmack besser anzupassen. O O

Aunstlitteratur und Aunsthandel.
Griechische Götter- und lheldengestalten. Nach an-
tiken Bildwerken gezeichnet nnd erläutert von Prof-
Jos. Langl. Mit kunstgeschichtlicher Einleitung
von Prof. Or. Carl von Lützow. Mit 50 Ta-
feln in Lichtdrnck und 300 Text-Jllustrationen.
Wien, Alfr. Hölder. 1887. Fol.

* Dieses von uns wiederholt angezeigte, von
der Püdagogischen Fachlitteratur mit einmütigem Bei-
fall aufgenommene Werk, unstreitig die schönste sümt-
licher neueren Publikationen auf dem Gebiete popu-
lärer Kunstmythologie, ist kürzlich mit der achtzehnten
Lieferung zum Abschluß gekommen. Wir wollen nicht
versäumen, darauf nochmals besonders aufmerksam zu
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