Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur uud Kunsthandel.

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leuchtung rasch ihren Käufer fandeu, der diesen beiden
inhaltlich und koloristisch verwandte „Obersee in Abend-
stinimung" Vvn Jul. Kühnholz und das neue hoch-
Poetische Mondscheiubild der Ruine von Monte S.
Angelo von Ferd. Knab. Weuiger Glück machte der
Münchener Hennings mit dem allzu hellen Sounen-
schein des Bildes „Von der Wiege bis zum Grabe"
als mit der mvndbeschienenen „Christmette am Weih-
nachtsaüend". Zu den besten Lcistungen der Berliuer
zähle ich die der Alpenmaler Kameke t„Fuß des
Morteratschgletschers") und Karl Ludwig („Früh-
ling im Gschnihthal in Tirol"), die zwei in ihrer
Beleuchtuug meisterhnften Waldlandschaften aus Pre-
row Vvn dem bekanntlich auch in Mondbildern aus-
gezeichneten Douzette und im Fach der Marine-
malerei neben den tüchtigen Bildern Vvn Huth vor
allem den in der ruhigen Meeresfläche, in dem be-
grenzendcn Ufer nnd in der Luft bedeuteuden „Ostsee-
straud" von Gude, der zu seiucn Hauptwerken zu
rechnen ist.

Endlich noch aus den infolge des gesteigerten
Reiseverkehrs immer beliebter gewordenen Dar-
stellungen der nordischen Küste die trefflicheu Bilder
von Normaun, Eckenbrecher, Jacobsen (Mond-
schein), Österleh, Fritz Grebe und Otto Sinding.
Von letzterem (jetzt in Berlin ansässig) hatten wir
eine höchst interessante Sammlung vou 76 zum Teil
uur skizzenhaft behandelten Bildern, dcn Früchten
seines dortigeu einjährigen Aufenthalts, die dnrch die
Verschiedenheit der dargestellten Natur und der Be-
leuchtuug, durch die Formation der Felsen uud
Klippen uud durch das Trciben der dortigen Fischer
ein hohes Jnteresse gewahrten und in technischer Hin-
sicht alle Ansprüche befriedigten. Neun derselben er-
warb Se. königl. Hohcit der Großherzog von Olden-
burg.

Wie große Anerkennung die meisten Schöpfungen
dieser Künstler fanden, untcr denen doch viele ersten
Ranges sind, geht am klarsten daraus hervor, daß
aus der Gesamtzahl von mehr als tausend Bildern
137 für die Gesamtsumme von mehr als 132 000 Mk.
verkauft wurdeu: cin Resultat, das auf einer ge-
wöhnlichen Vercinsnusstellung wohl noch nie erzielt
wurde.

Bremen, iin April 1888.

Amistlitteratur und Aunsthandel.

Schreiber, Theod., Kulturhistorischer Bilder-
atlas des Altertums. Zweite, für den Schul-
gebrauch eingerichtete Auflage(100 Taf. und 12 S.
Text, Qnerfolio) mit einem ausführlichen Text-
buche von K. Bfernhardif. 388 S. 8". Leipzig

1888, Verlag des litterarischen Jahresberichts
(Artur Seemann).

Das baldige Erscheinen einer zweiten Auflage
beweist die Brauchbarkeit uud Trefflichkeit des kultur-
historischen Bilderatlas. Und in der That verdienen
Auswahl und Zusammenstellnng der Abbildungen das
größte Lob. Weniger befriedigt zuweilen die Wieder-
gabc der einen oder der andercn Darstellung, die in
der zweiten Auflage hätte Ändcrnng erfahren müssen
(z. B. III 3; XX 5; XXI 8 u. a.st durch eine bessere
Abbildung ist nur die schöne Satyrdramavase ersetzt
(III 1). Sonst ergiebt ein Vergleich mit der ersten
Auflage noch, daß die Abbildungen für den Schul-
gebrauch eingerichtet, d. h. zwar nicht nach Me-
phistopheles' Auweisung mannigfaltig modisch über-
klcistert sind, aber überall äußerst manierlich zugerichtet
auftreten, so daß an dem allzu Lebendigen der Antike
uun selbst die strengste englische Gonvernante keinen An-
stoß niehr zu nehmen vermag. Ein sehr wesentlicher Fort-
schritt der neuen Anflage liegt in deni ausführlichen
Texte vor, der K. Bernhardi verdankt wird uud das
Verstäudnis der Abbildungen dem gebildeten Laien
wie dem wissenschaftlichen Anfänger erleichtert: denn
die zwölf Seiten Text, welche Schreiber beigefügt,
sind für den Kundigen iiberflüssig und zu lang, da-
gegen für den in Altertum und Kunst Unknndigen
viel zu kurz und ornkelhaft. Texte zu dergleichen
Büchern, die sich mehr oder ausschließlich an das große
Publikum richten, siud durchaus keine leichte Arbeit:
um so mehr ist anzuerkenneii, daß Bernhardi die Auf-
gabe glücklich löst; die Deutiingen und Erklärungen,
die er bietet, sind meistcns Scheidemünze, welche sorg-
samst geprüst und allgemein anerkannt worden ist.
Daß bei einer neuen Auflage noch mancherlei geändert
und gebessert werden kanii, ninimt nicht wunder und
ist kein Vorwurf; bei solcher Mosaikarbeit kann nicht
von vornherein jedes Steinchen gleichmäßig gut und
genau ausfallen Einiges Wenige, welches mir beim
Durchblättern als irrig oder fraglich aufgestoßens möge
hier für die künftige Neuansgabe angeführt werden,
zugleich als Beweis dafür, wie brauchbar und richtig
das meiste ist, welches geboten wird. Seite 6: die
Erzählungder alten Litterarhistoriker von dem „Opfer-
tisch", auf den ursprünglich der erste Schauspieler ge-
treten sei, ist vielmehr uur ein Komikerwitz und als
solcher zu behandeln; vergl. Hiller, Rheiu. Mus. sür
Philol. N. F. 39, S. 327 ff. — Zu Taf. III 2, V 2
nnd VI 1 bemerke ich, daß die Künstler bei dem
Kommeii ihrer Figuren in scenischen Darstellungen
ganz bestinimt nicht an die Bedeutung von „links"
uud von „rechts" auf der Bühne gedacht habeu, son-
dern daß nur zufällig und uubeabsichtigt hier und da
Darstelluug und Bühnenpraxis übereinstimmen. —
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