Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Nr. 39.

23. Iahrgang.

f887/88.

Aunstchronik

t2. Iuli.

Tvochenschrift für Aunst und Aunstgewerbe.

Ankündigungsblatt des verbandes der deutschen Runstgewerbevereine.

!)erausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur jDabst

wien Aöln

Cheresianumgiisse 25. jlandrische Slraße 14.

Lxpedition:

Leipzig: L. A. Seemann, Gartcnstr. s5. Berlin: w. Aiihl, Iägcrstr. 75.


gnhalt: Der Salon von is888, von 6. Helferich. — Neuer Ratalog von Ab. Braun 6c Lo.; lvölfflin, Renaissance und Barock; Ludwig
Richters Reineke Luchs; Schirniers Lntwürfe im Barock- und Rokokostile; Menge's Linführung in die antike Kunst. — F. v. ^>ort-
heim -f. — l-'- ^eidel. — Schneckenburger-Denkmal. — Sammlung Bethmann in Frankfurt a/M. — Neuigkeiten des Buch- und Aunst-
handels. — Zeitschriften. — Inserate.

Nr. 40 erscheint mit Hcft 10 der Zcitschrift fiir bildendc Kunst nm 26. Juli.

Der 5alon von f888-
Von Hermann Helferich.

INit Abbildmigen.

Es möchte, wenn man
das Kunstleben der fran-
zösischen Kunstmetrc>pllle
nach den Radirungen, die
uns von Frankreich her-
überkommen, den Bü-
chern, die man dort er-
scheinen sieht, abschätzen
wollte, eine der vergnüg-
lichsten Aufgaben scheinen,
über den Pariser Salon
zu berichten. Hier würde
man den Extrakt der mo-
dernen Kunst sehen; hier
sie im Jnnersten begrüßen
nnd ihre Vorzüge den
Lesenden schildern;. ein
Aufsatz über den Salon
müsse, so denkt man, sich
zum Bilde der 'gesamten
modernen Kunst auswach-
sen, und man würde es
so umfassend wie mög-
lich, so glcmzvoll wie
I. Worms-G°df°rh: oeulls ALrxoii Mgalich gestalten. Der

inoräu xlLi' UN6 2 I

Bericht über den Salon
sei der Bericht der Berichte, er schließe ein, was aus
allen geringcren Ausstellungen erzählt werden könne

und mache dieselben gewissermaßen überslüssig: in
seinem Rahmen spiegele sich die gesamte moderne
Kunst gerade in dem, worin sie am meisten lebe und
frnchtbar sei, so reichhaltig ab, daß der Bericht
über den Salon, wenn er nur gut und treu sei,
einen Grundplan der modernen Kunst abgeben müsse.

Die Sache ist in Wirklichkeit etwas anders. Der
Salon ist kein umfassender Spiegel der modernen
Prodnktion, er zeigt sie anntthernd in ihrer Breite,
nicht in ihrem Tiefgang; was die moderne Kunst an
Führern und Anregern nnd an Werken ersten Ranges
hat, ist im Salon nicht so wohl, als was sie an Kor-
porationen und Massenströmnngen nnd Knappschaften
aufweist, vertreten, und der Salon ist weniger eine
Quelle neuen Kunstschaffens, als ein Echo der ton-
angebenden Stimmen, nnd in den Kunsthandlungen
von Paris und von Bondstreet und New-Bond-
street findet man wichtigeres Material zur modernen
Kunst, mehr positiv Schönes, mehr Werke der Meister
oder die Spiegelung der Meister in guten Repro-
dnktionen nach ihren Werken, als in den großen Hallen
des Pariser Palais de l'Jndustrie. Große Kunst-
werke werden eben nicht alljtthrlich gcschaffen, und
das Beste kann daher in Ausstellungen nicht erwartet
werden; die Pariser und Londoner Kunsthändler
und einige geschmackvolle Privatsammler: in deren
Besitz findet sich, zerstreut nnd zusammengebracht, was
als repräsentatives Material der modernen Knnst-
ideale gelten kann; sie muß man aufgesucht haben,
ehe man einen Eindruck des Besten, wozu die mo-
derne Kunst fähig ist, im Herzen hat — und erst
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