Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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hinzu; — und auf der anderen ein junges Mädchen,
das am Fenster, hinter wetchem der Himmel Corots
sanft glüht, beim Nähen sitzt, zwei Bilder, die die
ewigen Rechte der Poesie in diesem Salon bon 1888
nngemein eindringlich ztl verkündigen wissen. Jch
schließe hier das wenige Belangreiche an, das von
deutscher Seite in den Salon geschickt wnrde: Lieber-
mann brachte seine zuvor in Berlin ausgestellteSeiler-
werkstätte, und von Kuehl sieht man zwei Arbeiten,
die diesen überaus geschickten Mann als einen rechten
Fritz Ang. Kanlbach dcr natnralistischen Schule er-
kennen lassen. Er ist der Eklektiker der Jüngsten.

Es wiirde ganz uninvglich sein, in diesem Artikel
ein auch nur annähernd vollständiges Verzeichnis aller
der Erwähnung werten Arbeiten zu geben; bei den
Landschaften speziell thne ich keiner einzigen mehr Er-
wähnnng, weil gerade da sehr viel des Schönen ge-
leistet ist und ein Hervorheben von einzelnen hier
noch mehr als bei den Fignrenbildern die willkür-
lichste Ungerechtigkeit bedentete. Auch unter den Pa-
stellen, uoch mehr bei den Radirnugen wäre zu ver-
weilen, was aber zu weit sühren würde; ich kann
dagegen nicht umhin, der besten Seite der gegen-
wärtigen französischen Kunst, der Plastik, wenigstens
einige Worte zu widmen. Der Saal der Plastik, rein
äußerlich genommen, gewährt mit seinem frischen Grün
und dem weißen Heer seiner Statuen einen sehr er-
freulichen Eindrnck; aber wie reich er auch an aus-
gezeichueteu Werken ist, so falleu doch drei Arbeiten
ganz besonders auf. Die „Diana" von Falguiöre,
„die Badenden" von Esconla, der „durch eine
Viper gebissene Knabe" von Worms-Godfary; sie
sind Leistungen, wie sie in Deutschland heute, tvie wir
glauben, nicht hervorgebracht werden. Jn Falguisre's
Diana ist ein in der Lebenswahrheit vollkommenes,
bewegtes französisches Mädchen von unglanblicher tech-
nischer Meisterschaft, welches von einer Göttin absolut
nichts hat, zu sehen; aber in den badenden Schwestern
von Escoula ist eine Feinheit der Empfindung bei
aller technischer Fertigkeit, die etwas Vorraffaelisches
hat, und von dem Knaben von Worms-Godfary würde
es einen Begriff geben können, wenn man sagte, er
gleiche einer der schönen Schöpfungen unseres Hilde-
brand in Florenz, wenn nicht leider der dentsche
Künstler seiner Kunst gerade da ein Endc geböte, wo
sie für moderne Menschen an interessantesten wird:
im Kopf. Die drei Statuen, überhanpt die Plastik,
söhnen mit dem im Ganzen mediokren Eindrnck des
Salons von 1888 aus, und wenn man den Salon
mit seinen nnzähligen Bildern, den Saal der Plastik
mit seinen unzähligen Marmorgruppen verläßt, er-
wehrt nian sich nicht des Gefühles von der gegen-
wärtigen Suprematie der französischen Kunst; man

sieht das ganz Ungeheure, was an Quantität von
den Franzosen geleistet wird, das ganz Ungeheure
an Jnteresse, das das Publikum von Paris dieser
Produktion entgegenträgt, und man erkennt an, daß
die bildende Kunst in der Gedankenwelt der Fran-
zosen jenen herrschenden Platz einnimmt, den bei uns
nur die Musik hat.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

A Dcr iicuc Katalog dcr Stuttgartcr Staatsgalerie

ist kürzlich erschienen, unter dcm Titel „Verzeichiüs der
Gemälde-Sammlung im kgl. Musenm der bildendeu Künste
zu Stuttgart." IlO S. in 8°. 1888. — Nachdem man sich
lange Jahre mit ciuem provisorischen Verzeichnis begnügt
hatte (der letzte vollständigs Katalog erschien im Jahre 1883),
war man gespannt auf diese neüe Ausgabe. Wir müssen
gestehen, wir hütten etwas Besseres erwartet, in einer Zeit,
welche an Galeriekataioge ganz andere Ansprüche macht, als
noch vor 25 Jahren. Vor allem vermißt man ein Vorwort,
welches den srüheren Katalogen nicht fehlte, um daraus die
bei der Arbeit besolgteu Grundsätze erkennen zu können.
Dann ist die Feststellung der Autbrschaft der Gemälde in
der neuen Auslage im wesentlichen dicselbe geblieben, wie in
den früheren Ausgaben. Die Redaktion entschuldigt sich in
einem Nachwort folgendermaßen: „Um in der hiesigen Kgl.
Staatsgalerie, nachdem sie durch die Galerie Barbini-Bre-
gauze und die Abelfche Sammlung wesentlich bereichert war,
bie überkommenen Autorschasten zu prüfen und thunlichst
festznstellen, wurde srüher eine Kommission berusen, an deren
Spitze der Münchener Galeriebirektor von Zimmermann
stand. Diese Feststellungen dienten sowohl den seitherigen
Katalogen, als auch diesem neuen." Aber fragen wir:
Warum wird jetzt noch, nach einem Zeitraum von 25 Jahren,
an den Bestimmungen dieser Kvmmission festgshalten! Doch
nicht aus Pietät sür die Mitglieder derselben? Die Kunst-
geschichte ist doch nicht abhängig von den Meinungen ein-
zelner Autoritäten! Es ist sehr zu bedauern, datz die in
diesen Blättern von Eisenmann und Frizzoni mitgeteilten
Berichtigungen keine Beachtung fanden oder finden konnten;
noch mehr aber müssen wir es bedauern, daß die Angaben
bezüglich unssrer aiten schwäbischen Malerschulen noch auf
den früheren, kurz nach der Erwerbung der Abelschen
Sammlung festgestellten Bezeichungen beruheu. Der Kata-
log kennt noch keinen Meister B. Striegel, keinen Mcister
von Sigmaringen, er spricht noch von einem Barthel Schön,
einem C. Vos aus Ulm und dergl. Die Resultate der
Ulmer Ausstellung vom Jahre 1877 sind uicht beachtet
worden. Zeitblom ist noch von >468 au thütig, welche
Jahreszahl bekanntlich sich daher schreibt, daß man früher,
d. h. vor 30 Jahren, fülschlich ein mit dieser Datirung ver-
sehenes Bild Herlens sür Zeitblom in Anspruch nahm. Ein
wesentlicher Maugel ist ferner die fast überall fehlende An-
gabe über die Provenienz der Bilder. Für den Forscher ist
daS uncrläßlich und notwendiger als die Beschreibung des
dargestellten Sujets. Die Galerie besitzt die Altarwerke von
Eschnch, Kilchbcrg, Nürtingen und Thalheim, nur bei dem
letzteren sinde ich die Angabe ssiner Abstammung; aber es
giebt vcrfchiedene Thalheim in Württemberg und somit wird
es jedem Forschcr schwer werden, das richtige zu sinden. Es
ist nämlich Thalheim O/A. Rottenburg. Wenn es ferner bei
No. 480 heißt: Unbekannter Meister aus der Ulmer Schule,
Altargemülde mit den Flügeltüren u—o (dabei ist auch das
Mittelbild gerechnet), so ist das ganz unrichtig und ungenau
angegcben. Wir haben hier den Nürtinger Altar vor uns
von dem oberschwübischen Monogrammisteu 0. IV. 1518,
keinenfalls Ulmer Schule. Die Nummern 485—66, 47l—72,
476, 478, 486—87 bilden zusammen den Eschacher Altar,
Flügel und Predella, wovon die Rückseite in Berlin sich
befindet, was nirgends gesagt ist. Ebenso sind die Flügel
des Kilchberger Altars, 'die fälschlich dem Zeitblom zuge-
schrieben werden, als solche nicht bezeichnet. Wir kommen
auf den Thalheimer Altar zurück. Dieses Werk ist ohne
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