Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

Seite: 653
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CorneUs Blocmaert.

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stimmtc Zeit sich jemcits über die Jllustration, d. h.
über die der Wirklichkcit entsprecheude Wiedergabe
eines Vorgauges, deren Augenzeugen wir gewesen,
erheben wird. Nachdem wir die Fadenscheinigkeit der
alten Düsseldorfer Historienmalerei nnd ihrer zweiten,
von Piloty veranstalteten Auflage durchschaut habcn,
wird nnser Ange, schon ans reinem Abschen gegen
alles unwahre Theaterwesen, auf lange Zeit kanm
mehr crtragen können als das nüchterne Spiegelbild
der Wirklichkeit. Es müßte denn sein, daß cin Poet
nnd Maler dazn auftrate, welcher eine neue symbo-
lische, aber allgemein verständliche Sprache erfnnden
hat, in der er uns das Heldengedicht der Gegenwart
im Stile eines Homer erzahlen kann. Es verlautet
sogar, daß in Berlin ein solcher Maler in der Ent-
wicklnng begriffen ist. Bevor sich aber Verheißungen
in Thaten umgesetzt haben, werden wir uns an die
Versnche halten müssen,welche E. Geselschap in Ber-
lin und F. Keller in Karlsruhe gemacht haben, Ver-
suche, die übrigens eine sehr verschicdenartige Beur-
teilnng erfahren haben.

Die Überzeugnng, daß es mit der Historien-
malerei nach Düsseldorf-Münchener Rezept endgültig
vorüber ist, hat übrigens noch keineswegs alle Kreise
der Künstlerschaft durchdrnngen. Man sollte es nicht
für möglich halten, daß heute noch jemand auf den
Gedanken kommen kann, nach Pilotv „Wallensteins
Ende" zu malen, und zwar genau in derselbcn Ma-
nier, mit äußerst gewissenhafter Wiedergabe alles
Stofflichen, alles Beiwerks n. s. w., nur noch mit
größerem Raffinement der Technik. Solch' cinen
Galvanisirungsversuch an einer Leiche hat ein junger
Düsseldorfer, Namens Robert Forell, gemacht, in-
dem er — Figuren natürlich lebensgroß — den
Augenblick geschildert hat, wo der mit einem Mantel
verhüllte Körper des Ermordeten bei Fackelschein von
seinen Mördern nnd ihren Spießgesellen ans dem
Schlafgemach geschleift wird. Sehr viel Fleiß und
tüchtiges Können; aber nichts als Maskerade und
Stosfmalerei, deren Virtuosität an jedem beliebigen
Kostümbilde ebenso gut htttte gezeigt wcrden können.

So viel wir gesehen haben, ist es das einzige
Geschichtsbild alten Stils, welches die Ausstellung
aufzuweisen hat. Da finden sich unsere Maler denn
doch noch besser mit der Gegenwart ab, nnd von zwei
Bildern haben wir wenigstens zn berichten, welche
Ansprnch auf den Namen eines Historienbildes nach
der üblichen Bedeutung dieses Begriffs aus dem al-
ten ästhetischen Einschachtelungssystem erheben können.
Es sind zufällig Darstellnngen gleichen Jnhalts: Der
berühmte Reiterangriff der Brigade Bredow bei Mars
la Tour (16. August 1870) von Frnnz Adam und
Theodor Rocholl. Der verstorbenc Großmcister des

mvdcrnen Schlachtenbildes hat auf diesem letztcn, lei-
der unvollendet gebliebcnen Werke seiner Hand nach
seiner Gewohnheit große Massen entfaltet. Illanen
und Kürassiere stürmen in breiter Frontentwicklung
auf die französische Jnfanterie und Artillerie, welche
bereits im Weichen begriffen ist. Mnn hat das Ge-
fühl cines großen geschichtlichen Moments, daß ein
nnabwendbares Verhttngnis über die Angegriffenen
hereinbraust, daß hier nicht beliebige Soldatenhaufen,
sondern die Repräsentanten zweier Nationen znr
Messnng ihrer physischen nnd moralischen Kräfte anf-
einanderstoßen. Das Bild ist soweit gediehen, daß
uns die Größe der Komposition nnd ihr gewaltiges
dramatisches Leben mit voller Klarheit anschaulich
werden. Nnr in der Ausführnng der Einzelheiten
fehlt die letzte Hand. Doch hat anch das Bild von
Rocholl (im Besitz der Verbindnng für historische
Knnst) den Charakter einer Skizze. Es beschränkt
sich auf den Angrisf der 7. Kürassiere und stellt auch
einen späteren Moment vor, das blutige Handgemenge
zwischen den weißen Reitern und der französischen
Jnfanterie und dazu den Wirrwarr der in die Neihen
der Reiter einschlagenden Granaten. Dem Motive
entsprechend ist die Gesamthaltung mehr genrehaft als
auf dem Adamschen Bilde, im Einzelnen noch dra-
matischer, nervöser, aufregender, aber im Ganzen ohne
den großen Ausblick ins Weite. Einen besonderen
Reiz übt die bis an die äußerste Grenze des Realis-
mus getriebene koloristische Behandlung, welche frei-
lich in der Wiedergabe von Blut und Wunden nicht
vor dem Gräßlichen zurückgeschreckt ist.

Ndolf Nosenberg.

<Lornelis Bloeinaert.

Von Georg Galland.

Durch Salomon de Bray, den Herausgeber der
^.rsliitsotnra Noäsrna >), wissen wir, daß der Vater
des Abraham Bloemaert der voornaamsts Lehrer
Hendrik de Keyzers war, und van Mander berichtet
in der Lebensbeschreibnng des Sohnes: „Sein Vater
Cornelis Bloemaert war ein knnstreicher Bildschnitzer,
Baukundiger und Jngenieur, zu Dordrecht geboren,
doch von wo er, nm einer Eidesleistnng ans dem
Wege zu gehen, entwich nnd, nach einigen nnan-
genehmen Zwischenfällen, nach Gorknm kam. Von
hier zog er mit seiner Familie nach Herzogenbusch
und wiedernm von dort nach lltrecht."^) Jn Gor-
knm wurde sein berühmter Sohn geboren, nicht 1567,
wie van Mander angiebt, sondern 1565. Später

1) Amsterdam 1631. Vorrede.

2) vcm Mander (Amstsrdamer Ausg. v. I. de Jongh
1761) II, S. 162.
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