Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Gemälde wandern". Da die selbständigen, sorgfältigen,
ruhigen und daher in der Regel auch wichtigen Beobach-
tungen, die Frimmel in diesem Bande niedergelegt, unsere
Stoffsammlung zur Geschichte der Malerei in anerkennens-
werter Weise bereichert haben, so wird man die Fortsetzung,
die das Werk nunmehr in einer dritten Lieferung gefunden
hat, welche zugleich als erste Lieferung eines zweiten Bandes
aufgefasst sein will, von vornherein mit Genugthuung be-
grüßen. Die neue Lieferung wendet sich von der Betrach-
tung wirklicher Galerieen der Betrachtung gemalter Galerieen
zu, d. h. den Gemälden, auf denen Galerieen dargestellt sind.
Dass diese Gemälde, deren berühmteste von David Teniers d. j.
herrühren und die Galerie des Erzherzogs Leopold Wilhelm
in Brüssel darstellen, innerhalb der Gattung „Bauliche
Innenansichten" eine besondere Art bilden, ist zweifellos.
Sie verdienten daher so gut eine Sonderbetrachtung innerhalb
der Gebäudemalerei, wie etwa die Winterlandschaften und
die Mondscheinlandschaften innerhalb der Landschaftsmalerei
oder die Darstellungen einer bestimmten Fabel innerhalb der
Geschichtenmalerei. Schon von diesem Gesichtspunkte aus
ist Frimmel's Zusammenstellung dankenswert. Da sie auf
Vollständigkeit keinen Anspruch macht, wäre es auch über-
flüssig, an dieser Stelle eine Nachlese zu ihr zu versuchen.
Nur an Karl Becker's „Bilderversteigerung" in der Dresdener
Galerie möchte ich erinnern, da Frimmel ihrer unter den
modernen Bildern, die Galerieen darstellen, wohl gedacht
haben würde, wenn sie ihm gerade eingefallen wäre. Frim-
mel hat aber auch richtig erkannt, dass der ganzen Ge-
mäldeklasse, mit der sein neues Heft sich beschäftigt, noch
besondere, kultur- und kunstgeschichtlich bedeutsame Seiten
abzugewinnen sind. Einerseits lassen die „gemalten Gale-
rieen", soweit sie nicht als Phantasiegebilde, sondern als Ab-
bildungen wirklich vorhanden gewesener Galerieen anzusehen
sind, sich ebenso gut wie die wirklichen Galerieen auf die
in ihnen vorhandenen Gemälde und Meister hin untersuchen;
und wenn man von einer solchen Untersuchung auch keine
allzugroße Ausbeute für die Kunstgeschichte erwarten darf,
so hat Frimmel wenigstens durch seine Untersuchungen der
Bilder der Galerie des Herzogs Leopold Wilhelm, nach
Maßgabe ihrer von Teniers gemalten Darstellung in der
Kais. Galerie zu Wien, doch gezeigt, dass auch hier eine
Fundgrube für manche nützliche Aufzeichnung und Anmer-
kung gegeben ist. Allerdings hat schon Ed. von Engerth
in seinem „beschreibenden Verzeichnis" der Wiener Galerie
die späteren Schicksale einer Reihe der auf Teniers' Gemälde
nachgeahmten Bilder verfolgt und nachgewiesen; aber Frim-
mel hat diese Untersuchungen, die den wesentlichsten Be-
standteil der ganzen Lieferung ausmachen, hier doch ein
tüchtiges Stück weiter gebracht. Andererseits lassen die
„gemalten Galerieen" sich aber auch zu Studien über herr-
schaftliche Zimmereinrichtungen in den Tagen ihrer Ent-
stehung, über das Gebaren ihrer Besitzer in ihnen und vor
allen Dingen über die damalige Art, Bilder zu hängen, ver-
werten. Die Art z. B., wie die Galerie des Erzherzogs
Leopold Wilhelm in Wien auf dem genannten großen Ge-
mälde aufgehängt erscheint, würde unserem Geschmacke
wenig entsprechen. Da war die Düsseldorfer Galerie nach
Maßgabe des Mechel'schen Werkes im vorigen .lahrhundert
schon viel geschmackvoller gehängt! Freilich hat Frimmel
in seiner fleißigen und sorgfältigen Arbeit nur die Möglich-
keit angedeutet, derartige Schlussfolgerungen aus der Be-
trachtung seiner „gemalten Galerieen" zu ziehen, sich selbst
aber mit einer gewissen Ängstlichkeit gehütet, auf irgend
welche Meinung von allgemeinerem Interesse einzugehen;
und eine Stärke der kleinen Schrift wird man in dieser

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absichtlichen Zurückhaltung und Dürftigkeit auch nicht eben
erkennen können. Abgesehen von ihrer Besprechung des
Wiener Bildes, deutet sie überhaupt mehr an, als sie aus-
führt. Eine etwas völligere Behandlung würde ihr wohl-
gethan haben. Aber angeregt zu haben, ist auch etwas;
und schließlich bleibt es doch eben dabei, dass Frimmel's
Schrift, wie sie vorliegt, kein abgeschlossenes Buch, sondern
nur die neue Lieferung eines fortlaufenden Werkes ist.
Jedenfalls bestärkt auch sie uns in dem Wunsche, dass es
dem tüchtigen und besonnenen Forscher vergönnt sein möge,
uns bald mit neuen Fortsetzungen seines Werkes zu be-
schenken. Möge er in ihnen dann von den gemalten zu den
wirklichen Galerieen zurückkehren, die wissenschaftlich aus-
zubeuten und auszudeuten sich doch noch besser verlohnt!
Man sollte denken, dass in AVien selbst, wo Frimmel lebt,
noch manch e „kleine Galeriestudien" zu machen wären.

_ KARL WOEmiANN.

Giemen, Paul. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz.
Band 11. Die Kunstdenkmäler der Kreise Rees, Duisburg
(Stadt), Mühlheim a. d. Ruhr, Ruhrort, Essen (Stadt und
Land). Düsseldorf 1893. 368 S. Mit 13 Tafeln und
150 Abbildungen im Texte. 13.50 Mark.
In kurzer Zeit hat der Verf. dem neulich an dieser
Stelle besprochenen ersten Bande des großen Denkmäler-
j Werkes der Rheinprovinz den zweiten folgen lassen, und mit
i Freude können wir feststellen, dass die warme Anerkennung,
die wir jenem zu zollen hatten, nicht minder auch diesem
gebührt. Wenn wir sogar die Vorzüge seiner Arbeitsweise
hier noch fast gesteigert finden, so erklärt sich das vielleicht
dadurch, dass der Verf. ein Arbeitsgebiet wieder betritt, auf
welchem er sich zuerst mit Erfolg bethätigt hat; denn der
Schwerpunkt des Bandes liegt unzweifelhaft in der Schilderung
der romanischen Altertümer, an welchen der rechts-nieder-
rheinische Teil Preußens so reich ist. Zwei altberühmte
Abteien, Essen und Werden, liegen in dem hier beschriebenen
Gebiet; auf die Karolinger- und Ottonen-Zeit zurückgehend,
von den namhaftesten Persönlichkeiten auf das sorgfältigste
gepflegt, haben diese beiden geistlichen Stiftungen eine
künstlerische Blüte von einer Dauer und Bedeutung erlebt,
die unsere größte Beachtung verdient. Sowohl die Münster-
kirche zu Essen wie die Abteikirche zu Werden enthalten
wichtige Reste frühromanischer Architektur und Kleinkunst ;
ich erinnere nur an den Reisekelch des heiligen Ludger, den
Zweitältesten Kelch, den wir in Deutschland haben, an die
Vortragkreuze, welche zum Teil von der Äbtissin Mathilde,
der Enkelin Otto's des Großen, geschenkt sind, an die goldene
Madonnenstatuettc vom Anfang des 11. Jahrhunderts, an den
siebenarmigen Bronzeleuchter vom Ende des 10. Jahr-
hunderts u. a. m., um dem Leser sofort vor die Augen zu
führen, aus wie früher Zeit hier kostbare deutsche Kunst-
erzeugnisse sich erhalten haben. Der Verf. schildert diese Ge-
genstände im einzelnen und entwirft eine Geschichte und
Besehreibung der verschiedenen Bestandteile der Baulich-
keiten. Nicht minder wird er der zweiten künstlerischen
Blütezeit gerecht, die nach 1500 unter kölnisch-niederländi-
schem Einfluss sich entwickelte und ihre glänzendste Höhe
in den großen Altären der beiden Kirchen fand; eine kurze
dritte Blüte, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts er-
folgte, wird zum Schluss geschildert. In den Abbildungen
legt sich der Verf. hier eine erhebliche Beschränkung auf,
es galt Rücksicht zu nehmen auf zwei große reichillustrirte
Veröffentlichungen, welche von dem Architekten Georg
Humann für das Essener Münster und von Professor Wil-
helm Effmann für die Werdener Abteikirche vorbereitet
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