Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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DIE MÄRZ AUSSTELLUNGEN DER DÜSSEL-
DORFER KÜNSTLER.

Die Hoffnungen friedlich gesinnter Optimisten
sind nicht in Erfüllung gegangen. Wieder gab es,
wie im Vorjahre, zwei Märzausstellungen in Düssel-
dorf. Also auch hier noch Trennung, immer noch
„Sezession"! Eine Sezession innerhalb oder besser
aus der Sezession heraus, wie in dem allzeit kampfes-
lustigen München haben wir vorläufig noch nicht
und eine baldige Rückkehr in den mütterlichen
Schoß der Allgemeinen deutschen Kunstgenossen-
schaft steht hier einstweilen um so weniger zu er-
warten, als der Lokalvorstand freiwillig auf die Über-
nahme des Hauptvorsitzes verzichtete und dieser so-
mit unerwarteterweise an München zurückfiel, welches
sich dann auch beeilte, die sezessionsbedürftigen ver-
lorenen Söhne ohne langes pater peccavi wieder in
seine offenen Arme aufzunehmen. So sehr die ganze
Bewegung an sich beklagenswert und, bei Licht be-
sehen, recht thöricht und unhaltbar erscheint und
obwohl mancher, des langen Haders müde, im stillen
Herzkämmerlein den Anschluss an die Genossenschaft
ersehnen mag, so hat doch vorläufig die „Düssel-
dorfer freie Vereinigung" keinen sonderlichen Grund,
unter die schützenden Fittiche der hiesigen Lokal-
genossenschaft zurückzueilen. — Ergo: es bleibt
beim alten.

Dass in künstlerischer Hinsicht ein Nachteil mit
der Teilung in zwei Heerlager verknüpft wäre, lässt
sich jedenfalls fürs erste nicht behaupten. Im Gegen-
teil, man sieht, dass man ganz gut allein fertig wird
und alle Kräfte bleiben, aus leicht erklärlichen Grün-
den, dabei angespannt.

Wiederum hatten die „Jungen" einen Teil des
Ed. Schulte'schen Salons inne, während die anderen
die Kunsthalle mit etwa hundert Werken beschickt
hatten. Machte man einen Rundgang durch diese
Räume, so fiel zunächst der große Mangel an figür-
lichen Bildern und der vorwiegend landschaftliche
Charakter der Ausstellung auf. Uberhaupt herrschte
in beiden Gruppen diesmal die Landschaft souverän,
quantitativ, wie qualitativ. Unter den „Alten" war
das Figurenbild durch ran der Beek, Carl Heyden
und Bachmann vertreten. Des ersteren „Arabischer
Tanz" ist ja eine durchaus fleißige Arbeit, auch
ruhig und nicht unharmonisch im Kolorit, aber nie-
mand dürfte beim besten Willen etwas Orientalisches
an diesen tanzenden und spielenden Schönen ent-
decken können, die Kostüme ausgenommen. Das
sind recht echte, mit etwas Chokolade geschminkte, ,

ganz liebe rheinische Mädchen. Die beiden Pastell-
porträts sind lebendig und chic gezeichnet. Boch-
manns „Poesie und Prosa" (ein Arbeiter im Freien
auf einer Bank sitzend, dem sein Kind das Mittag-
essen gebracht hat) ist fein beobachtet und gezeich-
net. Der Schnee ist gut gemalt und steht „gut gegen
die Figuren". Ein anderes Bild „Der entscheidende
Tag" stellt den kritischen Moment einer schweren
Krankheit dar; im Vordergrunde spricht der Arzt
beim Hinausgehen mit der Mutter des Kranken. Der
Kopf der Alten ist psychologisch fein wiedergegeben.
Damit wäre, wenn wir Ad. Leel's unglaublich tech-
nisch tüchtiges und doch so unglaublich langwei-
liges Aquarell: „Arabisches Cafe in Kairo" ausneh-
men, das figürliche Genrebild erschöpft und wir
können zu den Landschaftern übergehen. Hier waren
die Koryphäen wie gewöhnlich, mit Ausnahme von
Oswald Achenbach, alle gut repräsentirt. Letzterer
hat ein großes Bild „Ischia" gemalt, das den Beweis
liefern kann, dass auch das Genie nicht immer gleich
glücklich schafft. Das große Stück ist entschieden
seit langer Zeit das schwächste des Meisters, nicht
einheitlich und auch in der Farbe süßlich und ver-
fehlt. Andreas Achenbach's „Am Strande" ist ein
frisches Bildchen, welches den früheren Arbeiten des
jetzt ins biblische Alter eingetretenen unermüdlichen
Künstlers an Leuchtkraft der Farbe nicht nach-
steht. Christian Kröner, dem man neulich den „Pro-
fessor" verliehen hat, beweist, dass der Titel keine
schwächende Wirkung auf sein Schaffen ausgeübt,
wie das nach der Meinung — natürlich neidischer
— Spötter manchmal vorkommen soll. Seine drei
großen Ölbilder sind Meisterwerke. Amüsant ist es,
ihn als humorvollen Beobachter einer Herde See-
hunde von einer neuen Seite kennen zu lernen. Die
Robben liegen am flachen Strande von Borkum in
friedfertiger Genügsamkeit und Gemeinschaft mit
zahllosen Möven und Strandläufern, ihr Nachmittags-
schläfchen genießend. „Siesta" nennt er das Bild.
Auch die Hasenjagd im Schnee ist köstlich gegeben.
Im Hintergrunde die Schützen, nach vorne zu die
tolle Flucht der Familie Lampe, von der sich einer
im Purzelbaum überschlägt. Ein „Reineke" duckt
sich tief in den Schnee und lässt die leckeren Bissen
unbehelligt vorbeilaufen. Er weiß wohl, warum!
Solche köstliche Beobachtungen offenbaren ebenso
den passionirten Weidmann, wie den Künstler und
Humoristen. Die Aquarelle („Wintermorgen" und
„In den Dünen", Borkum) gehörten auch zu den
Perlen der Ausstellung. Es sind Naturausschnitte,
also ganz modern, aber mit Geist- und Hineinleben
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