Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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als dieses Gebiet der Malerei großen Stils immer
mehr vernachlässigt wird, angeblich weil der Ge-
schmack der privaten Käufer sich davon abgewendet
hat und die öffentlichen Sammlungen mit solchen
Bildern überfüllt sind. Es ist aber jedenfalls das
verkehrteste Mittel, wenn man ein berechtigtes
Widerstreben durch Schnellmalerei überwinden wollte.

Die Mode der reichen Kunstliebhaber, die jetzt
ihre Salons mit modernen Bildern schmücken, weil
der Kurs der alten Bilder für sicher gehende Leute
stark gesunken ist, findet in diesem Jahre ihren
Schwerpunkt in den impressionistischen oder, wenn
man lieber will, poetisch hingestammelten Stim-
mungslandschaften der Engländer und Schotten, auf
denen immer ein Stückchen vom aufgehenden Mond
oder von der untergehenden Sonne ein Stückchen
Baumschlag, den Zipfel eines stillen Tümpels oder
den Rand eines Wiesenbaches so unbestimmt be-
leuchtet, dass der glückliche Besitzer so lange darüber
raten kann, ob er eine Frühlings-, Sommer- oder
Herbstlandschaft vor sich hat, bis ihn die nächste
Mode dazu bringt, bei dem Kunsthändler, von dem
er nur ä condition kauft, das schottische oder eng-
lische Bild mit Verlust gegen ein anderes umzu-
tauschen. Es scheint, dass man die Konjunktur für
Berlin in diesem Jahre sehr richtig erkannt hat.
Wohin mau blickt, Engländer uud Schotten, die
ihre Scheu vor richtiger Zeichnung und gründlicher
Durchbildung der Naturformen unter einem Mum-
menschanz von schummeriger Verschwommenheit
und Melancholie verbergen, auf den auch nicht
wenige Käufer, teils gläubige, teils raffinirte, in
richtiger Berechnung der Fin-de-siecle-Stimmung
angebissen haben. Dass es unter diesen Englän-
dern und Schotten auch wirkliche Künstler giebt,
die aus starker poetischer Empfindung schöpfen,
sehen wir an den in großen Bildern glänzenden,
in kleinen Naturausschnitten immer interessanten
A. K. Brown und an James Paterson. Aber an die
Rockschöße dieser Künstler heften sich viele Dilet-
tanten, deren Ware für billiges Geld unter der Fa-
brikmarke „Schotte, Glasgow" an Leute verkauft
wird, die den wirklichen Künstlern schaden, indem
sie für die Kunsthandwerker, die mit weniger zu-
frieden sind, Reklame machen.

In der deutschen Landschaftsmalerei sind die
Ervverbsverhältnisse auch nicht viel besser. Aber
die Arbeit ist doch durchweg solider. Viel mehr
Studium und Ernst, viel weniger Mache auf den
blanken Effekt Wenn man so fortfährt, wie es seit
einigen Jahren geschieht, uns immer wieder diese

ihre Phantasieen auf die Leinwand tupfenden Dilet-
tanten als große geniale Dichter im Stile Ossians und
anderer eng- und schottländischer Barden zu preisen
und als höchste Ideale hinzustellen, so wäre es am
ersprießlichsten, wenn auch nicht sofort alle Aka-
demieen abzuschaffen, so doch wenigstens die Klassen
für Landschaftsmalerei zu schließen, da nur noch
die subjektive Empfindung und das scharfe Auge
die allein maßgebenden Faktoren künstlerischer
Entwickelung und kunsthändlerischen Fortkommens
sind. ADOLF ROSENBERG.

KORRESPONDENZ.

Aus Dresden, Juni 1894.
(Sehluss.)

Die Menzel-Ausstellung wurde im April durch
eine „Schwarx-weiß-Ausstellung des Münchener Ra-
dirvereins" abgelöst. Sie hot für Dresden ganz Neues,
da die in ihr vertretenen Künstler, unter denen sich
mehrere ungemein vielversprechende Talente befinden,
bis jetzt außerhalb Münchens höchstens den Fach-
männern bekannt geworden sein dürften und ihre
Ausstellung auch in München noch ohne Vorgän-
gerin war. Der Verein besteht aus nahezu 40 Künst-
lern, die, so verschiedenartig auch die einzelnen Mit-
glieder auftreten, alle das Bestreben verraten, die von
der Technik der Radirung gebotenen Mittel nach
Kräften auszunützen, um ihren Blättern einen mög-
lichst farbigen Eindruck zu verleihen. In dieser Hin-
sicht leistet F. Bühle entschieden das meiste. Von ihm
rührten eine ganze Reihe großer Blätter her, in denen
wir, wenn auch keine Nachahmung, so doch eine be-
wusste Anlehnung an die Arh Dürers bemerken konn-
ten. Das gilt vor allem von seinen Ritterfiguren,
einem Ritter im Sattel, einem betenden Ritter und
einem Ritter, der seinen Helm dazu benützt, um aus
einemQuell Wasser zu schöpfen. Diese Blätter erinnern
sofort an Dürers bekanntes Blatt: „Ritter, Tod und
Teufel", nur dass das von Böhle gewählte Format
größer und die Ausführung kräftiger oder derber als
bei Dürer ist. Ein weiteres Blatt führt uns einen
Sauhirten vor, der seinen Pflegebefohlenen auf der
Flöte etwas vorbläst. Es ist humoristisch aufgefasst
und verrät in der Zeichnung des nackten Hirten
tüchtige anatomische Kenntnisse, die sogar vor dem
kritischen Blick des Herrn Professors Fritsch Stich
halten dürften. Das bedeutendste Stück aber dieser
Sammlung dürfte das Blatt mit den pflügenden Rin-
dern sein, weil bei ihm die malerische Wirkung und
die Natürlichkeit der Darstellung einen ähnlichen
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