Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und DR. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. ,V. Jahrgang. 1893/94. Nr. 9. 21. Dezember.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
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lung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

BALDUNG-STUDIEN.

von HO BEBT STIASSXY.
I.

Zeichnungen.
Im Werke des Straßburger Meisters nehmen die
Handzeichnungen nicht nur der Zahl, sondern auch
der künstlerischen Bedeutung nach bekanntlich
einen breiten Raum ein. Mit die originellsten Äuße-
rungen seines vielseitigen Talentes, Kompositionen
von merkwürdiger Wucht der Darstellung, seltsam
phantastische Gestaltungen, sinnige, launige und
derbe Einfälle sind in diesen Blättern niedergelegt,
die als getreue Urkunden ein gutes Stück seiner
Entwickelung begleiten und das Künstlerbild, das
Gemälde und Holzschnitte ergeben, erst zur Einheit
abrunden. Viele dieser, bald geistreich hingewor-
fenen, bald gediegen durchgeführten Zeichnungen,
namentlich die Mehrzahl der prächtigen Clairobscurs
treten mit dem Anspruch selbständiger Kunstschö-
pfungen auf, sind mehr Bilder als Bildideen und
waren als solche von Haus aus für den Liebhaber-
geschmack des vornehmen Kunstfreundes berechnet,
modernen Originalradirungen etwa vergleichbar.
Wie nahe sich Baldung's Helldunkelzeichnungen
mit seinen Malereien berühren, lehrt schlagend ein
wenig bekanntes Temperabildchen auf Leinwand
(28 x 18,5 cm), früher in der Sammlung Milani in
Frankfurt a. M., gegenwärtig bei Herrn AI. Günther
in München (Deutsche Kunstausstellung daselbst,
1876, Nr. 2550). Die in Halbfigur gegebene Ma-
donna, sitzt, das Kind stillend, tief in ihren Mantel

gehüllt, neben einem Fenster mit Ausblick auf eine
Berglandschaft. Ungemein plastisch sind beide
zeichnerisch vollendeten Gestalten fast nur mit
weißen Lichtern, denen in den Schatten mit wenigen
Tuschestrichen nachgeholfen ist, aus dem dunkelgrün
gedeckten Kreidegrund herausmodellirt. An male-
rischer Lebendigkeit und Intimität der Wirkung ist
diese schlichte Madonnendarstellung, die in den An-
fang der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts zu
versetzen ist, manchem farbenbunten Gemälde des
Meisters überlegen.

Aber auch einfache Naturstudien und Modell-
skizzen, zur eigenen Übung zu Papier gebracht, war
der Künstler ersichtlich bemüht, auf die höhere
Stufe des Kunstwerkes emporzuheben. Mit besonderer
Vorliebe ist er in seiner reifen Zeit Gewandstudien
nachgegangen, aber nur ein einziges signirtes Blatt
dieser Art ist bisher bekannt (Berliner Kupferstich-
kabinett, Nr. 309). Hingegen wird ihn zu seinen
häufigen Christophorusdarstellungen das malerisch
fruchtbare Motiv des vom Winde gepeitschten Man-
tels des Riesen, dessen ungeschlachte Reckengestalt
dem spezifischen Kunstgeiste Baldung's freilich auch
sonst sympathisch sein musste, zuverlässig mit an-
geregt haben. Eine köstliche Helldunkelzeichnung
dieses Heiligen auf gelbbraunem Papier (28,5x19 cm),
datirt 1513, besitzt das Karlsruher Kabinett, eine zweite,
jüngeren Ursprungs, die Kunstsammlung in Basel
(ausgestellt, No. 40; 33,2x21 cm), eine Kreide-
zeichnung von 1520 (45 x 30,5 cm) Herr Habich
in Kassel (Phot, Noehring). Hauptsächlich zur
Beobachtung des Faltenwurfs gemacht ist offenbar
eine breit und kraftvoll behandelte, stellenweise
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