Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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liücherschau.

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lorist ist Klinger nicht und Tizian oder Correggio
sind ihm nicht günstig gewesen. Die „Blaue Stunde",
welche ohne Zweifel durch verwandte französische
Experimente angeregt ist, wirkt zwar hier besser
als in Berlin, wo sie zu scharfes Licht hatte, aber
sie lässt sich auch jetzt noch mit den brillanten
Farbenschwelgereien neufranzösischer Meister nicht
vergleichen. Eine Freilichtstudie, ein junges Mäd-
chen auf dem Dache eines römischen Hauses, ist
ohne alles Helldunkel, wie die Pietä und die Kreu-
zigung. Diese Studie und eine Anadyomene beweisen
aber, mit welch subtilem Fleiße auch hier Klinger
sich der in ihm lebenden Welt zu bemächtigen
sucht. Freilich ist es für den Künstler kein rechtes
Lob, wenn man seinen Schöpfungen die Schaffens-
qual noch ansieht. Und diese Qual ist an ihnen
ersichtlich, insbesondere an der bald gepriesenen und
bald geschmähten Kreuzigung. Man hat die an-
stößige Stelle jetzt beseitigt, aber es war doch nur
die anstößigste. Der Gestalt des Christus, insbeson-
dere dem Kopfe fehlt nicht nur die Hoheit des Er-
lösers, sondern auch die Majestät des Todes. Langes,
leichtgewelltes, steifes, frühflorentinisches Haar deckt
das Haupt und hängt an den Schläfen herab, ein
weltverlorener Blick von Resignation scheint anzu-
deuten, dass der Geist, der diesen Körper vorüber-
gehend bewohnte, sich aus seiner Hülle heraus-
sehnt. Von einem welterschütternden Vorgange ist an
dem Werke nichts zu sehen, der Schmerz der zu-
sammenbrechenden weiblichen Figur verrät ihn nicht,
deutet ihn kaum an. Auch in diesem Bilde hat der
Künstler Klinger den höchsten Schmerz, die Ursache
der ewig rinnenden Thränen durch entzündete Lid-
ränder, eingefallene Augäpfel, die die Lidspalte
nahezu sich schließen lassen, angedeutet. Das wirkt
bei der schlanken Figur der Maria unerfreulich, weil
es mehr an den Verstand, an das Nachdenken, als
an das unmittelbare Gefühl des Beschauers appel-
lirt. Sonst ist die Maria ein Meisterstück gewalt-
samer, endlicher, kraftvoller Fassung und ihre völlige
Isolirung von der Mittelgruppe darf auch als ein
besonders feiner Zug angesehen werden. Einige
Figuren freilich wirken mit ihrer Teilnahmslosigkeit
dem Vorwurfe geradezu entgegen, wie der verliebte
Jüngling in Akrobatenpose, und ganz links eine
jugendliche Schöne. Freilich kann man entgegen-
halten, dass alte und neue Meister oft aus reiner
Formen- und Farbenlust, und um ihre Hand zu
weisen, auf ihren Bildern Figuren anbrachten, die
mit der Sache nichts zu thun hatten; indessen
wurden sie doch dann nicht so prätentiös in den

Vordergrund geschoben. Im übrigen besitzt das
Bild einen Reichtum an Einzelschönheiten, eine
solche Fülle emsigsten Studiums, dass man sich bei
näherm Umgange mit dem Kunstwerke bald immer
lebhafter davon angezogen fühlt. Dazu gehört z. B.
die überaus sprechende Bewegung des einen Schächers
ganz rechts, der im. schrecklichsten Schmerze den
Kopf zur Seite neigt und sich aufbäumt, indem er
das Kreuz einzieht. So ungleich das Werk nun
auch in den einzelnen Partieen ist, so geht doch
auch von ihm das Klinger'sche Fluidum aus, das
auf schwache Gemüter atemversetzend wirkt, stärkere
aber mit eigentümlicher Gewalt angreift. Besonders
überraschend tritt das bei eingehender Betraclituu»'
der polychromirten Halbfigur „Salome" hervor, dem
ersten Marmorwerke Klinger's. Diese Figur hat etwas
Bannendes, Befangendes, trotz der sorglosen Ruhe,
mit der sie vor sich binzublicken scheint. Klinger
hat damit wohl die dämonische, verderbenbringende
Gewalt des Weibes verkörpern wollen, und seine
Auffassung ist auch hier wieder oppositionell. Er
stellt keine berückende Schönheit, keine üppigen
Formen, keinen verführerischen Liebreiz dar: eine
schlanke Tänzerin mit einem zierlichen Köpfchen, in
dessen leichtgeschürztem Munde ein teuflisches Lächeln
fast ganz verborgen ist, mit blassen schmalen Wangen,
rundem Näschen, etwas vorgeschobenem Kinn und
unbestimmt lauerndem Augenpaar. Das Bild ist
teils polylith, teils polychromirt. Als erste plastische
Leistung eines Radirers ist es ohne Zweifel hervor-
ragend; die subtile, emsige Ausführung zeigt auch
hier wieder, mit welch kühnem, ausdauerndem Ernst
der Künstler die schwere Lösung solcher Aufgaben
zu erringen, oft zu ertrotzen sucht. Bedenkt man
die großartige Energie, mit der Klinger sich in der
Griffelkunst von rohen Anfängen an bis zur höch-
sten Meisterschaft durcharbeitete, so darf man nach
solchem Anfang in der Bildnerei wohl auf weitere
schrittweise vervollkommnete Gaben schließen. Ob
dagegen dem Maler Klinger nicht ähnliche Schranken
gezogen sind, wie dem Maler Cornelius, wollen wir
zwar hier nicht entscheiden, aber doch vermuten:
das Beste in den Bildern scheint uns immer zeich-
nerischer Art zu sein. AI,'Tri; SEEMANN.

BÜCHERSCHAU.

Unter dem Titel „Schaupöbcl" bat ein gewisser E. von
Franquct eine in sehr heftigen Ausdrücken gehaltene Apo-
logie der neuen Richtung in der Malerei iKlinger, Thoma,
Stuck, L. v. Hofuiann, Exter etc.) veröffentlicht (Leipzig, Max
Spohv). Kürzlich ist nun eine Gegenschrift „Die neue Kunst
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