Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN ' BERLIN SW.

Heugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. V. Jahrgang. 1893/94. Nr. 27. 31. Mai.

Die Kunstehronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten .Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, ßud. Mosse u. s. w. an.

ZUR ERINNERUNG AN JULIUS MEYER.

Als der Begründer der „Zeitschrift für bildende
Kunst" nach dem tastenden Vorstoß mit den „Re-
censionen und Mittheilungen über bildende Kunst"
Ende 1865 das Schifflein in die Welt gehen ließ,
das sich seitdem achtundzwanzig Jahre lang flott,
frisch und ohne Leck auf den Wogen der litera-
rischen Bewegung erhalten und sogar stattlich zu
einem sturmfähigen Segler mit voller Ladung aus-
gewachsen hat, da sah er um sich herum nur ein
kleines Häuflein gleichgesinnter und gleichfreudiger
Genossen. Wenn man das Titelblatt des Jahrgangs
1866 aufschlägt und die darauf verzeichneten Helfer
Carl von Lützow's durchmustert, findet man unter
siebzehn Namen fünf Ästhetiker und Literarhisto-
riker, vier Männer, die damals die wissenschaftliche
Erneuerung des Kunstgewerbes vertraten, vier Kunst-
historiker im gegenwärtigen Sinne des Wortes, einen
Galeriedirektor, einen wissenschaftlich gebildeten
Kunstexperten, einen Maler, der schreiben konnte
und noch kann, und als siebenzehnten einen, der sich
gerade damals vom Philosophen und Ästhetiker zum
Kunstforscher, d. h. zum Spezialisten der Kunstwissen-
schaft durchzuringen begann: Julius Meyer. Das
Wort „Kunstwissenschaft" war um jene Zeit noch
wenig geläufig, und es war gewiss eine verdienst-
liche That, als Wilhelm Lübke schon auf der dritten
Seite des ersten Jahrgangs des neuen Centraiorgans
den Begriff und die Ziele der „Kunstwissenschaft"
in seiner Art, die immer Enthusiasmus mit Klarheit
verband, festzustellen suchte. Noch war freilich
ein harter Kampf mit der Ästhetik zu bestehen,

die damals, an den Universitäten wenigstens, das
Kunsturteil mit souveräner Machtvollkommenheit
übte und diktirte. Eine Spur, einen Widerhall dieses
Kampfes finden wir auch im ersten Jahrgang der
Zeitschrift, und zwar in einer Besprechung von Julius
Meyers erstem großen Werke, seiner „Geschichte der
französischen Malerei", die kein geringerer als Fr.
Th. Vischer verfasst hat. Der berühmte Ästhetiker
begrüßte in dem jungen Kunsthistoriker einen Geistes-
verwandten, einen Abkömmling der Hegeischen
Schule von der freieren Observanz; aber er empfand
auch das Bedenkliche des von Julius Meyer gehand-
habten „doppelten Apparats", des „kunstphilosophi-
schen und des empirischen". Heute ist freilich der
„kunstphilosophische Apparat" von der modernen
Kunstwissenschaft völlig über Bord geworfen worden;
aber vielleicht hat gerade die breite kunstphiloso-
phische Grundlage dem Buche Meyers die Bedeu-
tung gegeben, die heute noch besteht. Denn soweit
es sich um Maler handelt, die um 1866 ihr Lebens-
werk abgeschlossen hatten, hat das Meyersche Ur-
teil bis jetzt noch keine wesentliche Berichtigung
erfahren.

Jedenfalls war es eine für die damalige Zeit
kühne That, einen Abschnitt der modernen Kunst
unter streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu
behandeln; aber sie fand überall gerechte Anerken-
nung, und fortan blieb der Name des jungen Ge-
lehrten, der sich bis dahin nur durch Aufsätze in
Zeitschriften bekannt gemacht hatte, im Vordergrunde
der kunstliterarischen Bewegung. Am 26. Mai 1830
in Aachen geboren, hatte Julius Meyer einen Teil
seiner Jugend in Mannheim verlebt und dort auch
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