Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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erkannt worden, wenigstens hat man sich veranlasst
gesehen, in dem neuen Führer durch die Galerie
zum Namen Dürer bei diesem Bilde (jetzt Nr. 233)
ein Fragezeichen anzubringen. Man kann und muss
aber hier viel weiter gehen. Das kleine Bildnis ist
zweifellos ein Werk des Jan ran Eyck und mit dem
unanfechtbaren Van-der-Leuw-Bildnis der Wiener
Galerie von 1436 geradezu stilgleich, ganz ab-
gesehen von der nahen Verwandtschaft mit den
übrigen sicheren Werken des Meisters. Weitere
Mitteilungen in den „Galeriestudien".
Wien, 10. Mai 1894.

Dr. TH. v. FRIMMEL.

NEKROLOGE.

%• Der Bildhauer Prof. Robert Härtel, dessen am 5. Mai
in Breslau erfolgten Tod wir bereits gemeldet haben, wurde,
wie wir einem Nekrologe der „Schlesischen Zeitung" ent-
nehmen, am 21. Februar 1831 zu Weimar geboren und
besuchte die Großherzogliche Freie Zeichenschule daselbst.
Außerdem machte er die Lehrzeit als Goldschmied durch.
Verschiedene Arbeiten aus dieser und der späteren Zeit,
l'runkgefäße, Tafelaufsätze u. s. w. sind zum größten Teile
im Besitze des Großherzogs von Sachsen-Weimar. Dieser
berief Härtel auf die Wartburg, wo er mehrere Jahre als
Modelleur und Bildhauer bei der Restaurirung der Burg
thätig war. Später trat Härtel zu seiner höheren künstleri-
schen Ausbildung in das Atelier des Professors Hähnel in
Dresden als Schüler und Gehilfe ein. In Dresden selbstän-
dig geworden, schuf er eine reiche Anzahl von Statuen,
Gruppen, Kolossalbüsten und Reliefs, u. a. die Statuen Kreon
und Antigone für das Dresdener Hoftheater, mehrere Sta-
tuen für die Albrechtsburg in Meißen, die Bronzebüste des
Philosophen Fries für Jena, ferner für das Museum in Wei-
mar die großen Relieffriese: Leben und Sitten der Germa-
nen, die Hermannschlacht und Aufnahme der Helden in
Walhall; endlich zwei Schilde für dasselbe Museum, worauf
Krieg und Frieden in figurenreichen Reliefgruppen zur Dar-
stellung gebracht sind. 1875—77 schuf er für Weimar die
kolossale bronzene Gruppe des Kriegerdenkmals. 1878 folgte
er dem Rufe der preußischen Regierung als Lehrer und Bild-
hauer an die Königliche Kunst- und Kunstgewerbeschule zu
Breslau. In Breslau entstanden die überlebensgroßen Bronze-
gruppen Albrecht Dürer und Michelangelo für das Museum
der bildenden Künste, ferner zwei Giebelfiguren an der Haupt-
front desselben Museums, das Denkmal Friedrich des Großen
in Tarnowitz, die überlebensgroße Statue Kaiser Wilhelms I.
für das neue Regierungsgebäude, die Gruppe Industrie, die
Figuren Wissenschaft, Kunst, Merkur uud Vulkan für das
Hauptpostgebäude, das Rödeliusdenkmal auf dem Lessing-
turnplatze, die Büsten des Fürsten Hardenberg und des Frei-
herrn von Stein in der Wartehalle der Königlichen Re-
gierung.

PERSONALNACHRICHTEN.

%* Baurat Wallot in Berlin, der Erbauer des Reichs-
tagsgebäudes, ist zum 1. Oktober als Professor der Baukunst
an die Kunstakademie in Dresden an Stelle des verstorbenen
Prof. Lipsius berufen worden.

DENKMÄLER.

%* In Bcln ff des Nationäldenkmate für Kaiser Wil-
lielm I. in Berlin wird dem „Hamburger Korrespondenten"
geschrieben, dass nach einer dem Bundesrat zugegangenen
Mitteilung der Kaiser befohlen habe, dass das Denkmal inner-
halb des vom Reichstage genehmigten Kostenaufwandes von
vier Millionen hergestellt werde. Die gegenüber dem Kosten-
anschlag hierbei erforderlich werdende Kostenminderung
soll durch Wahl billigeren Materials und Vereinfachung
des Begas'schen Entwurfs erzielt werden. Auch die Her-
stellung der Halle für das Denkmal soll innerhalb des vor-
genannten Betrages erfolgen und demnach erst in Angriff'
genommen werden, wenn die Sicherheit ihrer Ausführbar-
keit ohne Kostenüberschreitung gegeben ist.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

Düsseldorf. Der Kunstverein für die Rheinlande und
Westfalen hat am Pfingstsonntag seine Ausstellung eröffnet,
und sie macht einen recht frischen Eindruck. Wieder herrscht
die Landschaft vor, der Figurengenrebilder sind nicht viele.
Ein Gemälde großen Stiles ist leihweise von der Verbindung
für historische Kunst eingesandt worden: „Die Erstürmung
der Hauptstraße von Bazeilles" von L. Putz in München.
Ein prächtiges, ernstes Kunstwerk voll Leben und drama-
tischer Kraft. Mitten in den Straßenkampf wird man hinein-
versetzt , die hartbedrängte preußische Infanterie ist durch
eine aufgefahrene Feldbatterie für eine kurze Zeit unterstützt
worden, bis auch diese, nachdem sie zwölf Kartätschen ab-
gegeben (wie es im Auszug des Generalstabswerkes heißt),
sich mit Hilfe der letzten Infanteristen zurückziehen muss,
und die Bedienungsmannschaft zusammengeschossen ist.
Diesen Moment hat der Maler gewählt: im Hintergrunde
sieht man die abfahrende Batterie, während aus jedem Haus,
Thür, Fenster, Dachluke die blau-weißen Dampfwölkchen
aufblitzen, Tod und Vernichtung auf die tapfere Schar her-
unterschleudernd. Im Vordergrunde sind alle Schrecken
eines erbitterten Straßenkampfes mit geradezu dramatischer
Intensität und furchtbarer Wahrheit geschildert. Über tote
Soldaten und Bürger, auch Frauen, stürmt, in ungeordneten
Haufen, Infanterie gegen die vollbesetzten Häuser, von denen
jede Thürspalte zu einem feuerspeienden Schlund geworden
ist. Das Talent und Können des Künstlers ist seiner Auf-
gabe hier voll gewachsen, und das will viel sagen. Rechts
das brennende Gebäude erhöht den grausigen Effekt, und
auch als koloristisches Ganzes ist das Bild zu loben. Es
enthält ebenso viel Kraft wie Wahrheit, ein ebenso sicheres
Können wie mächtiges Wollen. Alles in allem: ein außer-
gewöhnliches Kunstwerk. Als zweites Figurenbild kommt
Julius Müller-Maßdorfs großes Strandbild „Gerettet" in
Betracht. Ein anscheinend eben den Wellen entrissenes
Mädchen wird von Fischern durch die Dünen getragen. Die
Typen der holländischen Seeleute, das Kolorit und die
düstere Regenstimmung des Gemäldes sind vorzüglich, die
Töne wahr und einheitlich. An Figürlichem ist sonst nicht
viel Erwähnenswertes vorhanden, wenn man Oerhard Jans-
sen's prächtiges kleines Genrebild: „Ein Sänger am Rhein" aus-
nimmt. Breit und kräftig gemalt, gesund gesehen, farbig
und voll humoristischer Lebendigkeit, gehört es zu den
besten Stücken der Ausstellung. Die Landschafter und Ma-
rinemaler sind fast durchweg frisch vertreten. Olaf Jern-
berg voran mit zwei seiner gesunden, kraftvollen Natur-
ausschnitte: „Sommernachmittag" und „Waldrand". Na-
mentlich das letztere ist ein Meisterstück von Gesundheit,
Licht und Farbe. Heinrich Hermanns' „Winterabend in
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