Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Die dritte internationale Kunstausstellung in Wien. II.

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die die ganze Fläche grell überflutet, links ein Schmal-
bild mit einem dunkel gestimmten Raum, in dem eine
Arbeiterfamilie ihre Mahlzeit einnimmt („Unser iiig-
lich Brot gieb uns heute"), rechts ein Schmalbild,
auf dem ein Knabe von dem greisen, gebrochenen
Großvater Abschied nimmt, um sich Arbeit auswärts
zu suchen. Es ist, im Gegensatze zu Vogel's festlich-
froher Allegorie, kein Hoheslied der Arbeit, sondern
die Kehrseite der Medaille, trotz der Hellmalerei des
Mittelbildes eine gallige Schwarzfärbung, die aber,
objektiv betrachtet, als Kunstwerk von starker Wir-
kung ist und außerhalb der Kreise, die nur auf das
Kunstwerk als solches sehen, vermutlich noch anders
und tiefer wirken wird.

Zur allgemeinen Charakteristik der auf der Aus-
stellung vorhandenen Bilder religiösen Inhalts mag
es genügen, wenn wir erwähnen, dass der alte Düssel-
dorfer Stil der Richtung Schadow-Deger durch eine
anmutsvolle Madonna von Joseph Kehren, vermutlich
einem Sohne des Genossen Alfred Rethel's, vertreten
ist und dass sich von da ab eine lange Kette bis
zu Stuck zieht, in der, wie schon gesagt, alle
Schattirungen der religiösen Malerei vertreten sind.
Als die ernsthaftesten, fleißigsten und verhältnismäßig
selbständigsten Arbeiten citiren wir das letzte Abend-
mahl von Franz Zimmermann in Rom, die Grablegung
Christi von August von Brandis in Berlin, die Kreu-
zigung Christi von L. Olötxle, Christus die Kinder
segnend von G. Fugel in München, Maria und der
Schafhirt von Joseph Scheurenberg in Berlin, „In
Bethlehems Stall" (Geburt Christi) von dem wun-
derlichen Düsseldorfer Engelmaler W. Spatz, die Be-
weiuung des Leichnams Christi von II. Tichy in
Wien, die Verkündigung an die Hirten von F. v.
I 'hdc, die Pietä von II. von Habermann und das Tri-
ptychon „der Menschheit Ostern", in der Mitte der
aus dein Grabe emporsteigende, von einem Engel
emporgehobene Heiland, rechts und links anbetende
und singende Engelchöre, von Ernst Hausmann in
Berlin. ADOLF ROSENBERG.

DIE DRITTE INTERNATIONALE KUNST-
AUSSTELLUNG IN WIEN.

II.

Kein zweites Volk hat so wie die Franzosen
seit Jahrhunderten immer das eine Prinzip allen an-
dern in der bildenden Kunst vorangestellt, dass das un-
unterbrochene Studium des Nackten als Grundbe-
dingung zu den höchsten Leistungen in Malerei und
Plastik den ersten Platz einzunehmen habe. Diesmal

ist es — wie gewöhnlich — der weibliche Körper,
der mit besonderer Vorliebe in ruhiger Stellung,
nicht in leidenschaftlicher Bewegung, in einer größeren
Anzahl malerischer und plastischer Werke eine mehr
oder minder schöne und wahre Darstellung gefun-
den hat. In dieser Apotheose des keiner Modever-
änderung unterliegenden Menschen sind die Kunst-
bestrebungen der modernen Gallier kongruent mit
denen der alten Hellenen, und es mag darin neben
dem ihnen von den Vätern her ererbten guten Ge-
schmacke, — der ja auch zum größten Teile nur
auf fleißiger Handwerksübung beruht — ein gutes
Stück ihres Erfolges, ja ihrer Führerschaft seine Ur-
sache haben.

Den Meisterwurf hat Garolus Duran gethan mit
seinem Halbakt der Lucica, einer leuchtenden, im
Lichte lebenswahren Darstellung des weichsten, von
warmem Leben durchpulsten weiblichen Körpers:
hier fließt wirklich Blut unter der Haut. In den
Schatten ist das herrliche Stück leider vernachlässigt.
Mehr eine Marmorschönheit, aber von einer flüssigen
Farbe, wie am lebenden Modell, weniger warm als
Lucica ist die kleine Studie Jean Jacques Ilenner's,
die ein kauerndes Mädchen darstellt. Besonders die
Schattenpartieen sind von überzeugender Wahrheit.
— Noch kälter ist Louis Joseph Raphael Gollin in
seinem weiblichen Halbakt „Schlummer", dem alle
Lebenswärme fehlt, so vorzüglich fein auch die zarteste
Formmodellirung gelungen ist. Ein dekoratives Haupt-
werk ist von Guillaume Dubufe fils „Die Grille",
deren fein beleuchteter und kokett-pikant gemalter
Körper viel durch den ungünstigen Hintergrund mit
dem japanischen Fächer und ebensolchen Blüten-
zweig verliert. — Nicht seiner Größe, wohl aber der
äußern und innern Wahrheit nach eines der hervor-
ragendsten Werke ist Albert Aublet's Mädchen, das
sich „am Meeresufer" im wellendurchspülten Sande
gelagert hat und den Rücken weist; ein genaueres
Studium im Freilicht zeigt sonst kein Bild der
Abteilung, ausgenommen vielleicht Alfred Philippe
Boll's „Frau im Sessel", eine vorzügliche Studie
auf großer Leinwand — leider ohne Gedanken.
Gaston Casimir Saintpierre's Venus, Tony Robert-
Fleury's Leda und selbst Jules Lefebure's Psyche
machen dagegen keinen nachhaltigen Eindruck —
bei vielen Vorzügen in der Zeichnung — es ist zu
viel Schminke und Raffinement darin. Zu den besten
koloristischen Bildern mit Schärfe in der Zeichnung
zählen wir die „Blume des Serails" von Gabriel
Ferrier, ein wahrer Farbenrausch ohne Übertreibung,
besonders wahr und delikat der in den schattigen
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